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dorweiler14kl

Ein Mensch, der absolut und vollkommen frei ist, unterliegt meiner Ansicht nach keinerlei Zwängen und Verpflichtungen. Er ist völlig frei von Bindungen jeglicher Art und dadurch befähigt, ausschließlich seinen ureigenen Interessen nachzugehen - also zu tun und zu lassen, was er will. 

Versucht man nun, diese Definition einer freien Person auf die durchschnittliche Mehrheit der Menschen zu übertragen, lässt sich nicht von der Hand weisen, dass man kaum eine Übereinstimmung finden wird. Tatsächlich ist ein durchschnittlicher Mensch sogar recht weit davon entfernt, von jeglichen Pflichten und Notwendigkeiten entbunden zu sein. Im alltäglichen Leben muss sich der Durchschnittsmensch stattdessen vielfachen Zwängen unterwerfen - er muss sich zum Beispiel an festgeschriebene Gesetze halten, gesellschaftliche Normen beachten und beim Kontakt mit Menschen emotionale Bindungen eingehen, und all dies schränkt seine persönliche Freiheit in nicht unbeträchtlichem Maße ein. Weiterhin darf nicht übersehen werden, dass die Menschen in aller Regel unumgänglichen körperlichen Zwängen unterliegen - jeder braucht ein Mindestmaß an Nahrung, Wasser und Schlaf, ansonsten sind die biologischen Voraussetzungen für das Überleben des menschlichen Organismus nicht erfüllt.

Zusammengefasst lässt sich also sagen, dass die Menschen in aller Regel auf gewisse Weise rechtlich, sozial, emotional und anatomisch gebunden sind. Da aber ein freier Mensch nach der anfangs aufgestellten Definition überhaupt keinen Bindungen unterworfen ist, müsste man daraus den Schluss ableiten, dass es - zumindest auf die durchschnittliche Allgemeinheit bezogen - keine wirklich freien Menschen gibt.

Und dennoch wird sich kaum eine Person, die den genannten Faktoren der rechtlichen, sozialen, emotionalen und anatomischen Bindungen in gewöhnlichem Maße unterliegt, als ernstlich „unfrei“ oder „gefangen“ betrachten. Mich schließt das ein; auch ich muss mich an die Gesetze und Normen der Gesellschaft, in der ich lebe, halten, auch ich muss regelmäßig schlafen, trinken und essen, auch ich bin durch Familie und Freunde emotional an Menschen gebunden. Gleichwohl sich daraus zahlreiche Zwänge ergeben, fühle ich mich nicht als Gefangener dieser Bindungen, und den Menschen in meiner Umgebung geht es, meiner Einschätzung nach, ähnlich.

Dieses Phänomen ist meiner Ansicht nach durch verschiedene Ursachen zu erklären, und eine dieser Ursachen besteht darin, dass die Menschen innerhalb ihrer Bindungen die Wahl haben - oder zumindest das Gefühl, sie hätten eine. „Die Wahl haben“, das bedeutet, dass jemandem verschiedene Handlungsmöglichkeiten offen stehen. Wer eine Wahl trifft, entscheidet sich für eine dieser Handlungsmöglichkeiten, meist in der Hoffnung, dadurch ein bestimmtes Ziel erreichen zu können. Entscheidungen zu treffen ist wiederum ein wichtiger Bestandteil der Entfaltung der eigenen Persönlichkeit. Dabei erstrecken sich die Entscheidungen auf alles innerhalb der Bindungen, sowie die Bindungen selbst. Ein Mensch kann die Wahl treffen, eine Bindung zu beenden, zum Beispiel, in dem er die emotionale Bindung zu einer Person beendet. Er kann die Wahl treffen, seinen sozialen oder rechtlichen Bindungen zuwider zu handeln - aus Angst vor den Konsequenzen würden das mit Sicherheit die meisten nicht tun, aber theoretisch besteht diese Möglichkeit trotzdem, sodass der Mensch „gefühlt“ die Wahl hat. Sogar den anatomischen Bindungen kann er seinen Willen entgegensetzen. Im Regelfall tut der Mensch zwar alles dafür, sein Überleben zu gewährleisten und seine grundlegenden körperlichen Bedürfnisse zu erfüllen, er kann sich jedoch auch dagegen entscheiden und seinem Körper (sogar im Bewusstsein der schädlichen, vielleicht tödlichen Folgen) die Befriedigung der Bedürfnisse verweigern. Ein Beispiel hierfür ist der Hungerstreik.

Solange der Mensch Wahlmöglichkeiten besitzt oder sich wenigstens in dem Gedanken wähnt, sie zu besitzen, fühlt er sich innerhalb seiner Bindungen selten eingesperrt oder unfrei.

Eine andere Ursache dafür, dass die Menschen sich, obwohl sie nicht der aufgestellten Definition eines wahrhaft freien Menschen entsprechen, durchaus frei fühlen, hat mit dem Faktor der Zufriedenheit zu tun. Die Zufriedenheit ist in der Regel das begrenzende Maß menschlicher Bestrebungen. Es ist kein Zufall, dass in einem Sprichwort die Worte „glücklich und zufrieden“ simultan vorkommen. Wer zufrieden ist, ist glücklich, und die meisten Anstrengungen, die im alltäglichen Leben unternommen werden, dienen eben dazu, dem Menschen ein Leben zu ermöglichen, mit dem dieser zufrieden, also glücklich, ist und an dem er nichts verändern will. Wer etwas tut, was ihn und damit seine emotionalen und / oder körperlichen Bedürfnisse gänzlich zufriedenstellt, hat keinen Grund, etwas zu tun, was darüber hinausgeht, er kann höchstens den Versuch machen, seine Handlung zu wiederholen oder etwas Vergleichbares zu tun, um erneut das Gefühl von Zufriedenheit und Glück zu erlangen.

Wenn ein Mensch innerhalb der Bindungen, in denen er sich bewegt, zufriedengestellt werden kann, das heißt, wenn diese Bindungen ihm ermöglichen, sich so zu entfalten, dass er innerhalb der durch sie aufgeführten Grenzen ein glückliches Leben führt, das er nicht verändern möchte, so besteht für den Menschen kein Grund, sich durch diese Bindungen ernsthaft eingeengt zu fühlen.

Zu guter Letzt ist noch eine Ursache für das Freiheitsempfinden von gebundenen Menschen darin zu sehen, dass eine auf völliger Bindungslosigkeit beruhende Freiheit ein idealisiertes Bild ist, das nicht der Lebenswirklichkeit und den realen Bedürfnissen der Menschen entspricht. Ganz im Gegenteil – gemäß der aufgestellten Definition wahrer Freiheit ist der Mensch, der über diese verfügt, in seinem Willen und seinem Handeln nichts und niemanden unterworfen, doch als einzig logische Konsequenz muss daraus folgen, dass er unglaublich einsam ist. Zwar so einsam wie frei, doch schließlich und endlich absolut und vollkommen alleine. Die Bedürfnisse dagegen, die der Mensch sich im Leben im befriedigendem Maße zu erfüllen wünscht, fördern und fordern aber häufig die Entstehung menschlicher Gemeinschaften, aus zweckmäßigen ebenso wie aus gefühlsmäßigen Gründen. So kann in einer Gruppe von Personen Arbeitsteilung erfolgen, die Begabungen und Talente der einzelnen Gruppenmitglieder können zum Vorteil aller vereint werden, eine Gruppe ist ein schwierigeres Angriffsziel, im Ernstfall dafür allerdings umso besser zu verteidigen. Andere Menschen bedeuten außerdem Gesellschaft statt Einsamkeit, eine gewisse Sicherheit, Zuwendung, die die Gruppenmitglieder sich untereinander zuteil werden lassen und die zur Entwicklung von Freundschaft und Liebe  sowie Familie führen kann. Dass die Bindung an andere Menschen sowie die Eingliederung in ein soziales System, dessen Erhalt auf der Einhaltung notwendiger interner Regeln, nämlich Gesetzen und Normen, beruht, die persönliche Freiheit des Einzelnen einschränkt, wird zugunsten der Vorteile, die der Mensch in der Gemeinschaft in Bezug auf die Erfüllung seiner Bedürfnisse erhält, in der Regel in Kauf genommen.


Aus diesen Ausführungen ergibt sich, dass ein Mensch, der nach realitätsgetreuen Maßstäben als „frei“ gelten soll, innerhalb der Bindungen, die er für sich annimmt bzw. sich selbst schafft un
d deren Notwendigkeit er für sein Leben akzeptiert, die Möglichkeit haben muss, seine Persönlichkeit zu entfalten und seine Bedürfnisse ausreichend zu stillen, ohne von diesen Bindungen von außen, aber auch aus sich selbst heraus eingeschränkt und dadurch daran gehindert zu werden.

Melanie Dorweiler
Philosophie-Grundkurs bei Frau Leubner