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Seit 20 Jahren auf Dauerklassenfahrt

Was macht eigentlich...Tina Hildebrandt?

6.1.2010

ARD-Presseclub mit Tina Hildebrandt - Ausschnitt von 2008

"Wenn man politischen Journalismus betreibt, insbesondere über Parteipolitik schreibt, ist man quasi auf Dauerklassenfahrt. Man trifft immer dieselben Politiker und Journalisten, egal ob in Berlin, Bonn oder sonstwo in der Republik." Das sagt Tina Hildebrandt, ZEIT-Korrespondentin im Berliner Hauptstadtbüro.

 

Sie hat 1989 an der Europaschule, damals noch "Tagesheimgymnasium Kerpen", Abitur gemacht. Sie erinnert sich gerne an ihren Geschichts-LK-Lehrer, Bernhard Ripp, heute Schulleiter, und an Peter Bollerey, inzwischen pensioniert. Sie hat das große Angebot der Schule, vor allem den AG-Bereich, als sehr positiv empfunden. Heute hört sie gelegentlich von Bildungspolitikern, dass die Europaschule Kerpen in vieler Hinsicht als Vorbild gepriesen wird. Sie erinnert sich aber auch daran, dass manche Schüler, die nicht dem Mainstream entsprachen, von Mitschülern gemobbt wurden, und die Lehrer merkten es nicht oder unternahmen nichts. Sie meint das gar nicht als Kritik, sondern eher als Selbstkritik.

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Tina Hildebrandt beim Ehemaligentreffen 2009

Sie studierte in Bonn Politikwissenschaften, Germanistik und Geschichte und absolvierte ein Praktikum bei der Lokalredaktion des Kölner Stadt-Anzeigers in Euskirchen. Da war ihr endgültig klar: Journalismus wird es sein. Ihr Studium durchlief sie im Eiltempo, unterbrochen durch ein Volontariat beim Mitteldeutschen Express, der dem DuMont-Schauberg-Verlag gehörte, anschließend ein Jahr beim Kölner Express. Dann ergab es sich, dass sie zum SPIEGEL nach Hamburg ging. Wie "ergibt" sich so etwas? "Naja, wenn man auf Pressekonferenzen sitzt, sich gelegentlich meldet, nicht ganz unsinniges Zeug redet, dann merken sich ein paar Leute den Namen, und dann wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass beim SPIEGEL eine Stelle frei war," erzählt sie fast beiläufig mit sympathischem Understatement.  Beim SPIEGEL verbrachte sie ab 1997 sieben Jahre  als Korrespondentin in Bonn und Berlin, schrieb meistens über die CDU/CSU, die FDP und die Grünen. Seit 2004 arbeitet sie nun bei der ZEIT.

 

Was ist der Unterschied zwischen der Arbeit für eine Tageszeitung gegenüber einer Wochenzeitung? "Bei der ZEIT ist der Mittwoch der Montag." Das bedeutet? "Die ZEIT erscheint donnerstags, am Vortag sind alle redaktionellen Arbeiten abgeschlossen und es beginnt die Arbeit für die nächste Ausgabe, das ist sozusagen der Wochenbeginn. Ich habe zwar mehr Zeit für meine Artikel, trage sie aber auch länger mit mir herum, ändere, verbessere, schreibe neu. Bei der Tageszeitung ist am Vorabend Schluss, ich kann alles vergessen, was ich am Tage geschrieben habe und am nächsten Tag neu anfangen."

 

Und wie hat sich die Arbeit bei der ZEIT verändert im Vergleich zum SPIEGEL-Job? Tina Hildebrandt hält viel vom SPIEGEL  - "Da hätte ich auch als Pförtnerin angefangen!" -, aber die Autoren werden bei der ZEIT mehr geschätzt, glaubt sie. "Wenn ich als ZEIT-Korrespondentin einen Artikel in die Redaktion schicke und ein Redakteur etwas anders haben will, ruft er ganz vorsichtig an, entschuldigt sich dreimal und fragt höflich, ob man eventuell ein Wort ändern könne." Die Ressort-Grenzen seien durchlässiger als in anderen Blättern. In der aktuellen Ausgabe hat sie ein umfangreiches Interview über die Arbeit einer Hebamme veröffentlicht, das mit ihrem Ressort - Politik - nichts zu tun hat. Sie hatte aber mit einem Kollegen zusammen die Idee, und wenn die Redaktion das gut findet, kann man das machen.

 

2006 bekam sie einen Journalistenpreis der Zeitschrift 'Emma' für einen Artikel über die SPD-Politikerin Ute Vogt. 'Emma' ist bekanntlich eine feministische Zeitschrift, Herausgeberin: Alice Schwarzer. Das brachte mich auf die Frage, ob sie es als Stress empfunden hatte, sich in der Männerdomäne politischer Journalismus durchzusetzen. "Ach, eigentlich nicht", sagt sie. "Für mich war Feminismus nie wirklich ein Thema. Meine Mutter war Chefärztin, mein Vater Oberarzt, damit stand sie, wenn man hierarchisch denkt, eine Stufe über ihm. In unserer Familie war klar: Dies und jenes muss getan werden, dass ich ein Mädchen war, spielte überhaupt keine Rolle. Dabei ist mir durchaus klar, dass ich mich gelegentlich in Männerrunden wie dem Presseclub in der ARD durchsetzen muss. Mir ist auch bewusst, dass ich als Frau mit einer naturgemäß leiseren Stimme vorsichtig sein muss, dass ich nicht laut und schrill werde, das macht einen klein."

 

Hanns-Joachim Friedrichs, Journalist und legendärer Moderator der ARD-Tagesthemen, meinte vor vielen Jahren: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört.“ Wie halten Sie Distanz zu den Personen und Ereignissen, über die Sie schreiben, Frau Hildebrandt? "Das ist wirklich unser Hauptproblem", betont sie. "Wenn man Politiker persönlich kennen lernt, werden sie einem in der Regel sympathischer. Wenn ich mich dann hinsetze um einen Artikel zu schreiben, muss ich mich erst zurücklehnen, durchatmen und inneren Abstand gewinnen. Dabei ist es ja oft so: Menschen, die einem persönlich nahe stehen, ist man oft viel kritischer gegenüber als anderen - das kann helfen!" Lesenswert in diesem Zusammenhang ein Hildebrandt-Interview mit dem ehemaligen SPD-Politiker Peter Struck.

 

Tina Hildebrandt lebt mit ihrem Lebensgefährten und ihren beiden Kindern (Junge, sieben Jahre, Mädchen, ein Jahr alt) in Berlin. Die journalistische Tätigkeit und die Kindererziehung unter einen Hut zu bringen, ist nicht immer einfach. "Wenn Frau Merkel eine Pressekonferenz gibt, kann ich sie schlecht bitten, sie zu verlegen, weil ich keinen Babysitter habe!" Ihr berufliche Zukunftsvision? "Besser schreiben. Vielleicht auch mal über das Schreiben hinausgehen und beim Blattmachen mithelfen. Und, wer weiß, vielleicht auch mal in eine leitende Position aufsteigen." Sie betont: Nach SPIEGEL und ZEIT gibt es für einen Journalisten in Deutschland nichts Besseres.

 

Nach dem langen und angenehmen Telefoninterview mit Tina Hildebrandt muss ich sagen: Ich habe keine Ahnung, wie groß der Anteil unserer Schule an der beruflichen Entwicklung dieser renommierten Journalistin ist, aber ein bisschen stolz können wir schon sein, eine ehemalige Schülerin in der ZEIT-Hauptstadtredaktion sitzen zu haben! (Aktualisierung: Inzwischen ist sie zur Leiterin des Hauptstadtbüros ernannt worden!)

 

Bernd Woidtke