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pogromnacht17kl

79 Jahre ist es her, da brannten die Synagogen in Deutschland, da klirrten die Scheiben von jüdischen Geschäften, da wurden über 400 Juden ermordet - die Vorboten des Holocaust. Kerpen blieb von dieser Raserei nicht verschont:

"Während des Pogroms vom November 1938 wurde der Innenraum der Synagoge stark in Mitleidenschaft gezogen; SA-Angehörige schleppten zunächst die Kultgegenstände weg und zertrümmerten anschließend die Inneneinrichtung. Danach zog die SA-Horde, der sich auch zahlreiche Kerpener Bürger angeschlossen hatten, durch die Straßen und demolierte jüdische Geschäfte und Wohnungen. Versuche des Ortsbürgermeisters, den Zerstörungen Einhalt zu gewähren, scheiterten. Im Frühjahr 1939 wurde das Synagogengebäude an einen Privatmann verkauft, der es im Laufe der Jahre mehrfach umbaute. Mitte Juli 1942 wurden die letzten Kerpener Juden, ca. 30 Personen, deportiert." - Nachzulesen auf der Website www.jüdische-gemeinden.de. 

Die Stadt Kerpen hat in der Nachkriegszeit große Mühen auf sich genommen, sich aktiv mit der verbrecherischen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Eine dieser Bemühungen ist die Städtepartnerschaft zwischen Kerpen und der polnischen Stadt Oswiecim, deren deutscher Name Auschwitz als Synonym für das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte gilt: den fabrikmäßig organisierten Mord an Millionen Juden und anderen Menschen, die den Nazis im Weg waren. Eine Schülerin der Willy-Brandt-Gesamtschule berichtete von ihrem Besuch in Auschwitz: "Was sollte ich meinen Eltern, meinen Freunden sagen, als ich zurückkam - Es war gut? Es war interessant? Das trifft es doch wirklich nicht. Es war schrecklich. Und zugleich hat es uns Mut gemacht, dafür zu kämpfen, dass solche Verbrechen nie wieder möglich sind!"

Dieter Spürck, der Bürgermeister von Kerpen, verwies in einer beeindruckenden Rede darauf, dass Kerpen sich seiner Verantwortung bewusst ist und nicht nur mit Veranstaltungen wie der heutigen die Erinnerung an die Schatten der Vergangenheit wachhalten will. Er berichtete, dass in Kerpen seit einiger Zeit die "Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig verlegt werden; sie erinnern an Kerpener Bürgerinnen und Bürger, die von den Nazis aus ihren Häusern geholt und verschleppt wurden - in die Konzentrationslager. 

Schülerinnen und Schüler aus dem Geschichtskurs von Frau Bischoff trugen eigene Texte vor, die dem Thema der Pogromnacht in sehr eigenständiger Weise Rechnung trugen. Ein Mädchen sagte: "Ich wollte mich mit dem Widerstand gegen die Nazis beschäftigten, aber nicht mit den bekannten Leuten, sondern mit wenig bekannten, vielleicht auch aus Kerpen. Und so fand ich Informationen über die Familie Hoensbroech in Kerpen-Türnich. Sie versteckten im Keller ihres Wohnsitzes, des Schlosses in Türnich, polnische Zwangsarbeiter vor der Gestapo. Bei Luftangriffen war nur eine Wand zwischen ihnen und den Wehrmachtsoldaten, die dort Schutz suchten. Die Hoensbroechs haben unter Lebensgefahr die Polen gerettet - Hochachtung!" Das Schloss Türnich gehört heute den Nachfahren der Familie Hoensbroech.

 

Zwei Schüler aus dem Geschichtskurs trugen ihr Gedicht vor:

 

Ob am Filzengraben oder auf anderen Wegen,

Juden lebten in der ganzen Gegend.

Deutsche waren sie wie jedermann,

so nahm sie hier auch jeder an.

 

Ob Leiser, Rohr, Herz oder Voos,

die jüdische Gemeinde in Kerpen war groß.

Plötzlich fehlten sie hier und dort,

mit ihnen ein Teil der Gemeinschaft im Ort.

 

Ob Einzelhandels- oder Bankkaufmann,

in Kerpen packten alle (Juden) mit an.

Hier hielt man der Isolation besonders lang stand:

Kerpen als Vorbild für unser Land.

 

Ein anderer Schüler-Text zeigt eindrucksvoll, wie aktuell das Thema ist:

"Was wäre wenn...

Was wäre, wenn wir eines morgens aufwachen und nicht mehr in einer Demokratie leben würden, so wie wir sie kennen?

Was wäre, wenn uns keine Sicherheit mehr gewährleistet werden könnte, wenn wir selbst in unseren eigenen Häusern Angst haben müssten?

Was wäre, wenn die Angst von uns Besitz ergreifen würde, wenn sie uns steuert?

Was wäre, wenn wir heute, an diesem Abend, in dieser Minute die Angst verspüren würden, die von den Menschen damals verspürt wurde?

Ist uns überhaupt bewusst, was diese Menschen durchgemacht haben? Können wir uns das überhaupt vorstellen?

Wie würden wir uns wohl fühlen, wenn unser Leben bedroht wäre und wir nicht wissen, ob es einen Morgen für uns gibt? Diese Angst sollte keiner verspüren müssen!

Wir sind heute Abend hier, um unser Mitgefühl auszudrücken und um diesen Fehler nicht zu wiederholen. Um uns vor Augen zu führen, was nie wieder passieren darf. 

Jedoch gibt es diese Angst, diese Ungewissheit immer noch. Vielleicht nicht in Deutschland, vielleicht auch nicht zwingend in Europa. Doch nicht umsonst machen sich Tausende Flüchtlinge auf die lebensgefährliche Reise nach Europa. Wir sollten nicht denselben Fehler begehen wie damals, und das Leben von Menschen zerstören, die wir nicht einmal kennen, nur aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe oder ihrer Religion."

Herr Heuser, ein 83jähriger Kerpener, erzählte die bedrückende Geschichte vom Kantor der Gemeinde zur Zeit seiner Geburt, der über den Zuständen verzweifelte. 

Das Bläserquartett der Musikschule La Musica aus Kerpen umrahmte diese würdige Veranstaltung zur Pogromnacht. Dass sich so viele Jugendliche beteiligten, lässt die Hoffnung keimen, dass doch möglich ist, aus der Geschichte zu lernen. Die letzten Zeilen eines Gedichts von einem Schüler aus dem Geschichtskurs: "Gemeinsam gegen Hass und Ignoranz - Gemeinsam für Toleranz!"

Fotos

Bernd Woidtke