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Ungewöhnlichen Besuch erhielten die Schülerinnen und Schüler der beiden EF-Musikkurse in der vergangenen Woche: Am 7. Dezember 2017 waren die Cembalistin Marta Dotkus und der Cellist Markus Möllenbeck in der Europaschule zu Gast.

Die beiden Solisten sind Mitglieder der Capella Augustina – ein renommiertes Ensemble für Musik des 17. und 18. Jahrhunderts, das seit 1996 als Hausorchester die Brühler Schlosskonzerte (http://www.schlosskonzerte.de) gestaltet. Gefördert von der Kreissparkasse Köln, gehen die Profimusiker der Capella Augustina immer wieder in die Schulen der Region, um mit den Schülerinnen und Schülern über ihre Instrumente sowie die Musik des Barocks und der Klassik ins Gespräch zu kommen.

 

In Kerpen begrüßten Marta Dotkus und Markus Möllenbeck ihr jugendliches Publikum mit der temperamentvollen Aufführung einer Folia für Violoncello und Basso continuo von Vitali. Folia – so heißen Variationen über einen unermüdlich wiederholten Tanzbass, der im Barockzeitalter in ganz Europa beliebt war und unzähligen Komponisten als Grundlage für eigene Kompositionen diente – ein sehr passender Einstieg, denn mit ganz ähnlichen Musikwerken hatten sich die Schülerinnen und Schüler bereits im Musikunterricht der vorausgegangenen Wochen intensiv beschäftigt. Anschaulich erläuterte Markus Möllenbeck, der auch als Dozent an der Folkwang Hochschule Essen unterrichtet, diese besondere Kompositionsweise, die durchaus mancherlei Verwandtschaften mit Spielformen der Pop-Musik aufweist – und wie Popstars wurden Vitali, Corelli, Telemann und manch andere Komponisten des Barock damals auch von ihren Zeitgenossen gefeiert.

 

Spannend zu hören war auch, wie frei die damaligen Musiker mit dem Notentext umgegangen sind: Anhand historischer Notenmanuskripte illustrierten Marta Dotkus und Markus Möllenbeck, dass in der barocken Musik insbesondere die Begleitstimmen oft gar nicht genau notiert worden waren; die Komponisten fixierten nur den Bass, die passenden Begleitakkorde wurde dann in einem vorgegebenen Rahmen von den Instrumentalisten improvisiert. Anhand des langsamen Satzes aus der Sonate für Violoncello und Basso continuo von Georg Philipp Telemann demonstrierte Marta Dotkus, welch großen Spielraum sie bei der Ausgestaltung des Cembaloparts hat, indem sie zu der von Markus Möllenbeck vorgetragenen Cellomelodie zunächst eine eher schlichte und dann eine verspielt-ausschweifende Begleitung improvisierte.

War der fantasievoll-freie Umgang mit dem Notentext in der Musik des 17. und 18. Jahrhunderts die Regel, so haben spätere Musikergenerationen diese Spielhaltung zunehmend verloren. Um die ursprüngliche Vitalität und Ausdruckskraft der Alten Musik wieder aufleben zu lassen, sind Marta Dotkus und Markus Möllenbeck überzeugte Verfechter der sogenannten „Historischen Aufführungspraxis“: Statt die Werke des Barocks aus modernisierten und deshalb teils verfälschten Neuausgaben zu spielen, versuchen sie, auf den originalen Notentext zurückzugehen; sie studieren historische Quellen zur damaligen Spielweise und benutzen auch Instrumente aus der Entstehungszeit der Musik oder deren originalgetreue Nachbauten.

So hatte Markus Möllenbeck sein wertvolles Barock-Cello nach Kerpen mitgebracht; unschwer konnten die Schülerinnen und Schüler einige bauliche Eigenarten entdecken, die das historische von einem modernen Instrument unterscheiden: Von den Dimensionen kleiner als heutige Violoncelli, ist Möllenbecks Instrument nicht mit Metall- sondern mit Darmsaiten bespannt und kommt auch ohne den mittlerweile üblichen Metallstachel an der Unterseite des Korpus aus.

Historisch nicht ganz korrekt war hingegen das Cembalo, das Marta Dotkus an diesem Morgen zur Verfügung stand: Das Instrument der Kerpener Europaschule stammt aus den 1960er-Jahren; damals war die Kenntnis der Cembalobauer über die handwerklich ausgefeilten barocken Vorbilder allerdings noch nicht so umfangreich wie heute; daher unterscheidet sich das Schulinstrument klanglich und spieltechnisch sehr deutlich von den originalen Cembali des Barockzeitalters. Für die in Breslau gebürtige Musikerin, die in Warschau, Köln und Essen studiert hat, war es daher eine besondere Herausforderung, auf einem solchen Instrument hochvirtuose Werke wie Georg Muffats großangelegte Passacaglia g-Moll für Cembalo solo darzubieten.

Der Applaus, mit dem die gespannt und konzentriert lauschenden Schülerinnen und Schüler der beiden EF-Musikkurse Marta Dotkus und Markus Möllenbeck im Verlauf und am Ende dieser ebenso ungewöhnlichen wie perspektivenreichen Musikstunde immer wieder dankten, zeigte, dass die beiden Profis der Capella Augustina in ihrem Musizieren sowie bei ihren Erläuterungen stets den richtigen Ton getroffen haben, um die vermeintlich so ferne Musikpraxis des 17. und 18. Jahrhunderts auch für die Menschen unserer Gegenwart lebendig werden zu lassen. Hoffentlich werden die Schülerinnen und Schüler der Europaschule Kerpen noch öfter die Gelegenheit zu solchen eindrücklichen musikalischen Begegnungen haben.        

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Dr. Ralph Paland