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Der Abend der Zeugnisvergabe beginnt traditionell mit einem ökumenischen Gottesdienst. Worauf ich mich immer besonders freue, das sind die Predigten von Pfarrer Ralf Herbertz. Man muss gar nicht gläubig sein, sie sind dennoch jedesmal ein Gewinn, ein Anstoß zum Nachdenken.

In diesem Jahr hielt er den ökumenischen Gottesdienst zusammen mit der katholischen Gemeindereferentin Claudia Overberg. Das Thema entnahmen sie aus dem Buch der Prediger: „Alles hat seine Stunde“. Und sie nahmen eine philosophische Frage als Grundlage ihrer Reflexion: „Was ist der Mensch?“ Uff, harter Stoff, denkt man, reicht für mindestens eine Unterrichtsreihe in Philosophie und Religion. Die beiden schafften es, im knapp einstündigen Gottesdienst nicht nur dieser Frage auf den Grund zu gehen, sondern den Abiturient/innen auch deutlich zu machen, warum ein Nachdenken über Chronos und Kairos, die beiden griechischen Ideen zum Thema „Zeit“, gerade an diesem Tag für sie wichtig ist. Hier kann man die Predigt nachlesen.

Die Abiturfeier mit Zeugnisvergabe fand dann, wie in jedem Jahr, unter erschwerten klimatischen (Hitze-)Bedingungen statt. Die britische Queen hat am 21. April Geburtstag, die große Parade findet aber traditionell im Juni statt, weil dann in Großbritannien das Wetter nicht so regnerisch ist. Vielleicht könnte man das hier ebenfalls anpassen und die Abiturfeier in klimatisch günstigere Zeiten verlegen; dann käme das makellose Outfit der jungen Menschen noch besser zur Geltung... In seiner Rede erntete der Kerpener Bürgermeister Dieter Spürck einige Lacher mit dem Satz: „Vor den Erfolg hat Gott den Schweiß gesetzt.“

Traditionell wird eine Abiturfeier von einem musikalischen Programm umrahmt. Diesmal durften wir Zeugen der musikalischen Fähigkeiten der folgenden Schüler-Interpreten werden:

Lucas Bickem (Potpourri aus Werken von Mozart, Clayderman, Yiruma, Beethoven, Silvestri); Sina Jovy, Johanna Kassebeer, Sara Blank (John Williams, Hedwig’s Theme, Nimbus 2000, Harry’s Wondrous World), Christoph Zeimentz (Nocturne von Chopin), Angelina Axer, Nina Bergmann, Carla Meyer, Tatjana Thybussek, Gabriel Kessler (Welshly Arms – Legendary).

Die Dramaturgie einer Abi-Feier sieht natürlich vor, dass vor dem eigentlichen Höhepunkt, der Zeugnisvergabe, noch beträchtlich Spannung aufgebaut werden muss. Das geschieht durch Redebeiträge. Natürlich lässt es sich der Bürgermeister der Stadt Kerpen, Dieter Spürck, nicht nehmen, den Abiturient/innen gute Wünsche mit auf den Weg zu geben. Er verwies darauf, dass die Europaschule nicht nur Wissen, sondern auch soziale Kompetenzen vermittle, dass sich die Schule in intensivem Maße als Gemeinschaft verstehe; man merke das unter anderem daran, wie überaus freundlich der ehemalige Schulleiter, Bernhard Ripp, von allen Anwesenden begrüßt worden war.

Die Vorsitzende der Schulpflegschaft, Kati Räke, erwähnte, dass sie vor Jahren selbst als Abiturientin auf dieser Bühne gesessen habe, dass es davon aber kein Beweisfoto gäbe, weil ihrem Vater, kurz bevor sie dran war, der Film ausgegangen war. Sie rief die Ex-Schülerinnen und Schüler auf: Lebt eure Träume!

Eben jene Ex-Schüler/innen, vertreten durch Rachael Mosbach und Burak Altunalev, ließen dann ihre Schulzeit noch einmal Revue passieren und verhehlten auch nicht, dass einem die Schule Panik-Attacken vermitteln konnte. „Schon jetzt aber,“ sagte Burak, „vermissen wir die richtungsweisende Ordnung der Schule. Offenheit für Neues und Toleranz – das sind die Werte, die uns die Schule vermittelt hat.“ Etwas Besseres kann man über eine Schule nicht sagen, finde ich.

Höhepunkt der Feier war die Rede der Schulleiterin Tatjana Strucken. Sie schlug die Anwesenden mit einem originellen Vortrag in den Bann. Als Vorlage nahm sie das Motto des aktuellen Abi-Jahrganges: „Abiwood 2017 – 12 Jahre im falschen Film“. Abiwood – Hollywood – Oscarverleihung: Diese Assoziationskette führte schnell zu den Oscars für die schulischen Hauptdarsteller. Natürlich stehen ganz vorne die Schüler/innen mit den tollen Leistungen, z.B. die 5 Schüler/innen mit einem Abi-Schnitt von 1,0, oder die 15 mit einem Schnitt bis 1,3. Auch die Anderen, die sich bei kulturellen, sportlichen Projekten, im MINT-Bereich und anderswo engagierten, sind oscarreif. Den Oscar für das beste, weil spannendste Drehbuch verlieh Frau Strucken an den Schüler Peter S., der im Abiturbereich noch 30 Punkte brauchte – eigentlich ein komplett aussichtsloses Unterfangen, aber er schaffte die Punktlandung: filmreif! Selbstverständlich gingen auch Oscars an die Lehrkräfte, z.B. für die beste Regie an die Beratungslehrerinnen Frevel-Koslowski und Lambertz, die den schweren Tanker Q1/Q2 an allen Titanic-Eisbergen vorbei in den rettenden Abitur-Hafen geschleust haben. Nicht unerwähnt blieben auch die Eltern, die sie treffend als „Agenten“ bezeichnete.

Den Motto-Zusatz „12 Jahre im falschen Film“ benutzte Frau Strucken zu einer Zukunftsüberlegung: Wenn Sie sich in Ihrem kommenden Leben, sei es in Beziehungen, sei es im beruflichen Bereich, jemals wieder im falschen Film wähnen: Steigen Sie aus! Verharren Sie nicht 12 Jahre, sondern begreifen Sie, dass Sie der Regisseur Ihres Filmes sind! Die Rede kann hier downgeloaded werden.

Nach den Höhepunkten musikalischer und rhetorischer Art ging es nun an die Arbeit: 271 Abiturient/innen ihr Zeugnis in die Hand zu drücken, jedem ein paar passende Worte zu sagen, sie von ihren Tutor/innen umarmen zu lassen und ihnen von Schüler/innen der Klasse 5 eine Rose mit auf den Weg zu geben – das dauerte! Aber es lohnte sich! Denn überglückliche Oscarpreisträger/innen, die sich natürlich, mit Tränen in den Augen, bei ihren Eltern bedankten - wie es sich in Abiwood gehört - verließen am Ende die Schule.

Fotos

Bernd Woidtke