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Interviews von Leon Paul

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Heute (16.06.17) wird der Koalitionsvertrag in NRW veröffentlicht! „Und warum sollte uns das Ganze interessieren?“ Weil genau diese Wahl uns Schüler, das heißt unser Schulsystem betrifft! „Ok, was wird sich denn an unserem Schulsystem ändern?“ Das wollte ich auch wissen. Die Politiklehrer Herr Woidtke und Herr Strucken-Bathke konnten mir Auskunft geben und Direktorin Frau Strucken hat sich auch schon einige Gedanken gemacht. Schauen wir uns einige Kernthemen an:

Landtagswahl? Ist doch keine Bundestagswahl! Interessiert mich nicht!

„Bildung ist ein Landesthema, kein Bundesthema“, sagt Herr Strucken-Bathke. Deutschland ist föderalistisch. Das bedeutet, dass die Bundesländer in einigen Themen Eigenmacht haben. So auch beim Thema „Bildung“. Da ist es vor allem für uns Schüler bedeutend, dass wir eine neue Regierung in NRW haben, wie Strucken-Bathke erzählt: „Wir haben jetzt nach einigen Jahren der rot-grünen Regierung (SPD u. Grüne) eine schwarz-gelbe Regierung (CDU u. FDP).“

G8 oder G9?

Das perfekte Beispiel für Föderalismus: Das G8/G9-Dilemma. Einige Bundesländer wollen, dass Gymnasiasten 12 Schuljahre durchlaufen, andere fordern 13 und dritte fordern einen Kompromiss zwischen den Systemen. Und wie geht´s bei uns weiter? Herr Woidtke erklärt: „Die CDU will, dass die Schulen das selber (für sich selbst) entscheiden, entweder G8 oder G9. Die FDP wollte bisher, dass jede Schule beides anbietet, damit die Schüler und Eltern selbst entscheiden.“ Ein entgültiges Ergebnis bleibt noch abzuwarten, man kann aber davon ausgehen, dass die CDU sich durchsetzen wird. Ist doch toll, wenn die Schulen individuell sind, oder? Meine Befragten halten das für chaotisch. Unsere Direktorin begründet das beispielsweise so: „Ich finde es nicht gut, wenn wir im Land zwei verschiedene Typen eines Gymnasiums haben. Das möchte ich nicht haben. Ich glaube auch nicht, dass das nötig ist. Und vor allem befürchte ich, dass das die Debatte, ob G8 oder G9 besser ist, nicht beenden wird. Man gibt ja damit auch die Verantwortung für die Entscheidung ab. Die Politiker machen die Politik, die entscheiden und wir setzen das dann um, an der Schule.“

Gut, aber jetzt wissen wir ja immernoch nicht, ob wir künftig G8 oder G9 an der Europaschule haben. Das wird die Schulkonferenz entscheiden. “Die Schulkonfernz setzt sich zusammen aus Elternvertretern, Schülern und Lehrkräften. Und ich bin gespannt, wie diese Entscheidung getroffen wird. Ob es die Schulkonferenz für sich alleine entscheidet oder ob der Schulträger, also die Stadt Kerpen, auch ein Mitentscheidungsrecht hat.“, sagt Frau Strucken. Sie selbst ist bei G8/G9 unentschieden. Zwar hatte sie bei der Einführung von G8 Sorge um die Bildungspolitik, beispielsweise, weil einige Fächer eine kognitive Reife voraussetzen, aber sie findet, dass wir G8 soweit gut organisiert haben und die Schulform nicht wieder neuerfunden werden, sondern weitergehen sollte.

Flüchtlinge und Behinderte an die Schule integrieren? Wie?

“Herr Woidtke, gibt es denn irgendein Thema, dass unter den Lehrern im Lehrerzimmer besprochen wird? Ein Wunsch, dass sich etwas ändern soll?“ “Ein großes Thema ist Inklusion. Wir sind zwar noch nicht so betroffen. Wir haben ein paar Schüler die lernbehindert oder körperlich behindert sind. Das wirkt sich in der Masse nicht aus. Aber schon da merken wir, dass wir Probleme haben. Da wünsche ich mir wirklich, auch im Namen des ganzen Kollegiums, mehr Unterstützung, mehr fachliche Beratung, auch mehr Geld, zum Beispiel für Fortbildung, mehr Sozialarbeiter und Lehrer mit sonderpädagogischer Ausbildung.“ Ein Thema, das nicht wirklich neu ist, wie mir Herr Strucken-Bathke erzählt: „Ich erinnere mich, als ich selber noch sehr klein war, dass es oft so war, dass behinderte Menschen ausgegrenzt wurden. Und das finde ich nicht gut. Ich glaube, dass sie schon eine bessere Chance und auch Aufstiegschancen haben, wenn sie von der Gesellschaft als völlig normal wahrgenommen werden und begleitet werden. Das ist in anderen Ländern schon viel weiter entwickelt. In Holland zum Beispiel ist das so, dass sich das ganz anders mischt. Was man machen muss, ist, dass man dann an den Schulen investiert und die dafür ausgebildeten Lehrer und Betreuer hat. Man kann jetzt nicht einfach sagen: „Hey Klassenlehrer XY, du bekommst jetzt eine Inklusionsklasse und jetzt mach mal!““

Um euch mal auf dem neusten Stand zu halten: Aktuell werden viele Förderschulen in NRW geschlossen, da man versucht Inklusionskinder in den “normalen“ Schulalltag zu integrieren. Die CDU, stärkste und künftig regierende Partei, fordert da eine Bremse. Sie fordert, dass das Schulsystem erstmal seine Möglichkeiten für Behinderte ausbauen soll, bevor man viele Förderschulen schließt.

Individuelles Fordern und Fördern

Herr Woidtke beobachtet folgendes: „Wir kümmern uns ja sehr stark um die Förderung der schwächeren oder langsameren Schüler. Ich persönlich fände es sinnvoll, wenn wir uns genauso um die starken Schüler kümmern würden. Wenn wir auf beiden Seiten starke Angebote bereit stellen. Ich hoffe, dass die Landesregierung das auch ein bisschen unterstützen wird.“ Und wie könnte das funktionieren? „Zum Beispiel in Fächern, in denen man sieht, dass die Schnellen deutlich schneller sind als die Langsamen, sagen wir mal Mathe, sagen wir mal Sprachen, dass man da Leistungslevels in den Klassen einrichten.“ Doch Frau Strucken unterstreicht dabei unsere Forderangebote: „Schau dir doch zum Beispiel in der Jahrgangsstufe 8 und 9 unsere Differenzierungskurse an, wie breit gefächert die sind. Breiter als in jeder anderen Schule. Da kann man doch Begabungen nach Neigungen auch fördern. Also, der Eine, der eben nicht so literarisch begabt und interessiert ist, sondern eher technikbegabt ist, der besucht den Kurs Kraftfahrzeugtechnik. Ich finde gerade an unserer Schule ist Begabtenförderung sehr breit aufgestellt.“ Sie nannte auch das breite Angebot an AGs und ein breites Förderangebot von Herrn Feldhoff. Ob und was sich da für uns ändern könnte, steht deshalb noch in den Sternen.

Weitere Themen:

Mehr Grundschulzeit? Länger gemeinsam lernen? Herr Woidtke: „Ich glaube, dass sich in der Hinsicht nicht viel ändern wird. Die CDU und die FDP waren schon immer für das gegliederte Schulsystem (4 Jahre Grundschule, dann Entscheidung über weiterführende Schule). Was sich vielleicht etwas weiterentwickeln wird, sind die Gemeinschaftsschulen oder Stadteilschulen. Da wo Hauptschulen zum Beispiel zu wenige Schüler haben, werden Hauptschulen und Realschulen zusammengelegt.“

Herr Strucken-Bathke: „Also ich persönlich vermisse, auch bei der Medienberichterstattung, den Fokus auf die Umweltpolitik. Ich kann mich sehr gut daran erinnern, dass es diesen Film „Eine unbequeme Wahrheit“ von Al Gore gegeben hat. Der hat damals alle wachgerüttelt. Man dachte: „Jetzt ist das Thema globale Erderwärmung bei jedem angekommen!“ Und dann gab es viele Verhandlungen, die teilweise gescheitert sind. Danach hat der Al Gore einen zweiten Film herausgebracht und gefragt: „Was ist denn nach dem ersten Filmgemacht worden?“ und das Ergebnis war ernüchternd. Und ich finde, dass das klar auf die Agenda muss und das müsste auch in den Lehrplänen viel stärker verankert werden: Umweltschutz, Nachhaltigkeit, Selbstverantwortung.

Ich fragte Frau Strucken: „Gibt es ein Thema, bei dem sie sagen, das müsste man mal in die Debatte einbringen?“ Und bekam eine schnelle Antwort: „Entlastung für Lehrkräfte. Mehr Zeit. Ich möchte, dass Lehrer mehr Zeit bekommen, um sich ihren Schülern widmen zu können. Dass sie befreit werden, von Dokumentationspflichten, von bürokratischem Aufwand, dass es Entlastungsstunden gibt, die ich Lehrern geben kann, wenn sie an Konzepten arbeiten. Das wäre mir ein Anliegen. Das wäre ein Wunsch, den ich an die Landesregierung herantragen würde“

Und bei einem sind sich alle einig: Das ist alles eine Geldfrage. Wir denken zwar, dass Deutschland an der Spitze der Bildung liegt, doch tatsächlich sind unsere Bildungsausgaben, im Vergleich zu den wirtschaftlich starken OECD-Ländern, unterdurchschnittlich. Und bei den genannten Aufgaben und Wünschen würde sich ein größerer Griff ins Portemonnaie lohnen.

Kleine Anmerkung von mir, Leon: Warum da „Landtagswahl #1“ im Titel steht? Ich würde zur Landtagswahl und ihren Auswirkungen auf die Europaschule gerne eine Art „Artikelserie“ machen. Das Thema betrifft uns direkt und ist somit spannend mitzuverfolgen. Was da für Artikel kommen sollen? In „Landtagswahl #2“ wird es wahrscheinlich um eine kurze Erklärung zum Koalitionsvertrag gehen und welche Entscheidungen dort für uns festgelegt sind. Sollte es eine schnell umgesetzte Entscheidung geben oder sollte mir vielleicht ein Interview mit einem Landtagsabgeordneten gelingen, halte ich euch auf dem Laufenden!


 

Aktueller Hinweis: Im Koalitionsvertrag zwischen CDU und FPD wurde bezüglich G8/G9 vereinbart, dass man landesweit ab dem Schuljahr 2019/20 grundsätzlich zu G9 zurückkehrt, jedes Gymnasium aber entscheiden kann, bei G8 zu bleiben. Bernd Woidtke