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Wenn sich jemand in Kerpen beim Thema Integration auskennt, dann ist das Annette Seiche. Warum? Sie ist die Integrationsbeauftragte der Stadt. Sie organisiert die Unterbringung der Flüchtlinge, mietet private Wohnungen an, sorgt für die Ausstattung der Unterkünfte. Sie kümmert sich um unendlich viele Details, zum Beispiel auch um Spielzeug für die Kinder der Flüchtlinge. 

Zwei Flüchtlinge hatte sie mitgebracht: Mohammad Ghareeb aus Latakia in Syrien und Hussein Alamod aus Bagdad, der Hauptstadt des Irak. Hussein Alamod war 18 Tage unterwegs gewesen, mit Bus, Flugzeug, Taxi, Bahn, landete schließlich in München und die vorläufige Endstation ist Kerpen. Er geht hier zur Schule und spricht hervorragend deutsch, obwohl er erst eineinhalb Jahre hier ist. Er ist sehr gut integriert, macht in seiner Freizeit viel Sport, trifft sich mit Freunden. Mit seiner Familie, die noch im Irak lebt, kommuniziert er über Skype, Facebook und die übrigen Medien. Er ist inzwischen entschlossen, hier zu bleiben.

Frau Seiche hielt einen sehr informativen Vortrag über die Geschichte der Immigration in Deutschland. Gerade die Einwanderungswelle in der frühen Nachkriegszeit ist den heutigen Jugendlichen logischerweise sehr fern. Wer weiß denn schon, dass die "Gastarbeiter" der 50er und 60er Jahre gar nicht aus eigenem Antrieb gekommen waren, sondern durch Anwerbebüros sowohl in ihren Heimatländern als auch in Deutschland regelrecht geködert wurden, weil die deutsche Wirtschaft dringend Arbeitskräfte brauchte?

Anfang der 90er Jahre kamen dann viele Flüchtlinge aus dem jugoslawischen Kriegsgebiet. Das war auch die Zeit, in der die ersten Flüchtlingsheime brannten. Schließlich brannten - ein sehr dunkles Kapitel der deutschen Geschichte - auch Menschen: zum Beispiel Angehörige der Familie Genc in Solingen. 

Auch heute gibt es viele Vorurteile über Flüchtlinge und ihre Situation in Deutschland. Der Staat würde sie besser ausstatten als deutsche Arbeitslose, heißt eines. Unsinn, sagt Frau Seiche. Guckt euch diese Fotos aus Kerpener Flüchtlingsunterkünften an: Winzige Zimmer, Doppelstockbetten, mehrere Personen müssen sich eine Küche und ein Bad teilen. Sauber alles, aber sehr beengt. Leute verlassen ihre Heimat nicht aus Spaß, sondern dann, wenn sie keine Existenzgrundlage mehr haben, wenn sie Krieg und Unterdrückung entkommen wollen. 

Eine sehr gute Idee hatte Frau Seiche mitgebracht, um den Schüler/innen aus dem Reli-Kurs von Ralf Herbertz zu demonstrieren, in welch schwierige Lage die Flüchtlinge in Deutschland gekommen sind: Stellt euch vor, ihr seid aus politischen Gründen, weil hier in Deutschland eine Diktatur ausgebrochen ist, nach Japan geflüchtet. Ein Land, dessen Sprache man nicht versteht, dessen Schrift man nicht lesen kann, dessen Geld man nicht besitzt. Was macht man? Wie verständigt man sich? Wie kommt man an Essen? An wen muss man sich wenden, um Asyl zu bekommen? Ein bedrückender Gedanke. 

So ging man mit dem Gefühl nach Hause: Uns geht es hier in Deutschland verdammt gut. Und die Motivation, Flüchtlingen beiseite zu stehen, hat sich bei vielen sicherlich deutlich vermehrt.

Danke, Frau Seiche! Danke Mohammad Ghareeb und Hussein Alamod!

Fotos

Bernd Woidtke