bruessel16kl

Seit Jahren fährt der 9er Europakurs nach Brüssel. Jetzt stand die Fahrt unter zwei ungünstigen Vorzeichen: Im März fand in Brüssel ein verheerender Terroranschlag statt. Am vergangenen Donnerstag entschied eine knappe Mehrheit der britischen Bevölkerung, dass Großbritannien die Europäische Union verlassen solle. Ersteres bewegte einige Schülerinnen und Schüler, nicht mitzureisen. Das zweite Ereignis machte die Fahrt besonders spannend.

Der aktuelle 9er Europakurs, die Klasse 9.2, sowie einige englische Austauschüler machten sich am 29.6.16 auf den Weg, begleitet von Arne Janssen, Lynn Youdale, der Austauschlehrerin aus Nottingham, und mir. Schon im Bus gab es nur ein Thema: Brexit. Lynn Youdale zeigte sich schockiert: An ihrer Schule, der West Bridgford School, hatte es eine Probeabstimmung gegeben: Eine große Mehrheit sprach sich für "Remain" aus - gegen den Brexit! Um so überraschter war sie, als dann am Freitag das Ergebnis bekannt wurde.

In Brüssel trafen wir Axel Voss, Abgeordneter im Europäischen Parlament. Voss ist uns inzwischen sehr vertraut; er hatte schon mehrfach die Europaschule besucht, wir haben mit ihm in den letzten Jahren immer wieder in Brüssel gesprochen. Er nahm sich viel Zeit für die Fragen der Schülerinnen und Schüler. Einziges Thema: Brexit. Voss ist von Herzen Europäer. Auch er zeigte sich erschüttert von der Entscheidung der britischen Bevölkerung. Er hatte noch am Vortag mit Verwandten telefoniert, die in Großbritannien leben und ihm versichert hatten: Da passiert nichts! Er interpretierte das Ergebnis des Referendums als eine emotionale Entscheidung, die gepusht wurde von der britischen Boulevardpresse, die zum Teil mit irreführenden oder falschen Behauptungen operiert hatte. So wurde der Eindruck erweckt, dass die britischen Zahlungen an die EU in Höhe von 350 Millionen € wöchentlich nach dem Austritt komplett ins britische Gesundheitssystem investiert werden könnten. Was die Brexit-Protagonisten verschwiegen haben: Die Briten bekommen ja auch Zahlungen von der EU in ähnlicher Höhe, die dann wegfallen würden. Inzwischen hat auch Nigel Farage, Chef der EU-feindlichen UKIP-Partei, eingestanden, dass die Behauptung falsch ist.

Voss wies auf die Folgen des Brexit hin: Großbritannien würde zunächst einmal den Zugang zum europäischen Binnenmarkt, immerhin mehr als 300 Millionen Menschen, verlieren, was für die stark exportorientierte GB-Wirtschaft katastrophal sei. Falls man sich an dem norwegischen Modell orientieren wolle, hätte man weiterhin Zugang zum Binnenmarkt, müsste ca. 80 % der bisherigen Beiträge an die EU zahlen, hätte aber keinerlei Mitspracherecht mehr. Das schweizerische Modell sähe für Großbritannien noch schlechter aus. 

Sieht er eine Hoffnung? Schwierig. Das Referendum ist juristisch nicht bindend für die Regierung. Das Parlament steht in seiner Mehrheit deutlich für den Verbleib in der EU. Wenn die Regierung allerdings den Volkswillen ignorieren würde, würde das als undemokratisches Verhalten die Stimmung in GB noch verschlechtern. Nachdem der amtierende Premierminister David Cameron seinen Rücktritt für den Herbst angekündigt hat, wird die Konservative Partei einen neuen Parteichef und damit Premierminister wählen. Der könnte Neuwahlen ansetzen, und die Parteien könnten mit einer EU-freundlichen Haltung in den Wahlkampf gehen. Wenn die Remain-Befürworter dann eine Mehrheit erhalten, könnte das Referendum kippen. Voss: Ich habe den Eindruck, dass mancher Brexit-Befürworter gar nicht damit gerechnet hat, dass sich das Referendum durchsetzt und jetzt selbst geschockt ist.

Das Gespräch mit Axel Voss dauerte länger als geplant, deshalb entfiel ein Besuch im Parlamentarium, dem interaktiven Museum des EU-Parlaments. Denn wenn man schon mal in Brüssel ist, will man auch ein bisschen von der wunderbaren Altstadt und dem großartigen Grand Place sehen - siehe Fotos! 

Die Rückfahrt brachte die Erkenntnis: So dicht am Geschehen in der Europäischen Union waren wir noch nie bei einer Brüssel-Fahrt. Der drohende Ausstieg der Briten machte uns allen deutlich: Die Europäische Union ist nach wie vor eine bahnbrechende Idee, ein Auseinanderfallen dieser historisch einmaligen, völkerverbindenden Institution wäre ein dramatischer Rückschritt! Meine Hoffnung ist, dass wir an der Europaschule den Gedanken einer solidarischen europäischen Völkergemeinschaft weiterhin in die Herzen unserer Schülerinnen und Schüler tragen können. Die Brüssel-Reise war ein guter Weg. 

Fotos

Bernd Woidtke