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Alexander Bodenstab ist der lebende Beweis, dass man mit dem Abitur in Kerpen etwas Sinnvolles anfangen kann. Er studiert Politische Wissenschaften auf den Master-Abschluss hin und arbeitet zurzeit als Praktikant bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Düsseldorf. Und hatte eine gute Idee: Er lud Schüler/innen seiner alten Schule ein, an einem Planspiel zum Thema europäische Flüchtlingspolitik teilzunehmen. Wen? Den Projektkurs Europa Jahrgangsstufe 11.

Was ist ein Planspiel? Man schlüpft in eine Rolle, vertritt die Positionen dieser Rolle, auch wenn es nicht die eigenen sein müssen, tritt in Kontakt mit anderen Rolleninhabern und versucht, zu einem gemeinsamen Ergebnis zu gelangen.

Beim Europa-Planspiel waren diese Rollen: Ministerrat, Kommission, Parlamentsfraktionen, Lobbyisten, Presse, gesellschaftliche Gruppen. Wer welche Rolle übernehmen sollte, wurde ausgelost. Und so sah man sich plötzlich in einer Gruppe mit Schüler/innen aus Meerbusch oder Düren, musste sich zunächst einmal orientieren, die anderen kennenlernen, die eigene Position klären, die auf Rollenkarten allgemein umrissen war, aber nun mit Leben gefüllt werden musste. Das war schon mal nicht einfach, aber spannend. Für die Europaschule gab es schon früh einen Erfolg: Cedric Schmülling wurde mit großer Mehrheit zum Präsidenten des Ministerrats gewählt. Die EU-Kommission wurde unter anderem von Leonie Faßbender, Svenja Schumacher und Lena Müller Flesch repräsentiert.

Und dann ging es richtig los. Aufgabe war, eine EU-Richtlinie zu beschließen, die die europäische Flüchtlingspolitik auf eine vernünftige Grundlage stellt. Vernünftig? Da ging es schon los. Natürlich hatten die Briten eine andere Vorstellung davon, was vernünftig ist, als die Franzosen, die Deutschen eine andere als die Griechen. Und dann kam die Presse ins Spiel: Die BILD-Zeitung hat bekannterweise eine andere Sicht der Dinge als intellektuellere Zeitungen, wie z.B. das internationale Magazin Politico. Gesellschaftliche Gruppen wie Pro Asyl haben wieder eine andere Perspektive. In bi- und multilateralen Verhandlungen wurde versucht zu einem Ergebnis zu kommen.

Besonders schwierig für die Schüler/innen: Man musste seine persönliche Haltung vollkommen in den Hintergrund stellen und sich komplett auf eine mitunter fremde Position einlassen. Adelina brachte es gut auf den Punkt: „Wir waren in der nationalistischen Anti-EU-Fraktion und wir fanden unsere eigenen Argumente so durchschaubar, dass es uns schwer fiel, sie überzeugend zu vertreten.“

Im EU-Parlament gab es dann eine erhebliche Diskussion zwischen den EU-freundlichen und den EU-skeptischen Fraktionen. Als dann Parlament und Ministerrat zu einer Entscheidung kommen sollte, stellte sich zu Aller Überraschung heraus, dass keine Einigung zustande kam. Aber so ist das halt im echten Leben. Und das zu verstehen – darum ging es ja.

Nach dem Planspiel gab es noch eine Podiumsdiskussion zum Thema: „Demokratisches Europa – von rechts ausgebremst?“ Das Podium war hochkarätig besetzt mit zwei Politikprofessoren, einem Journalisten und einer EU-Abgeordneten. Die Diskussion krankte leider daran, dass es keine Diskussion war, sondern eine Aneinanderreihung von langatmigen professoralen Statements, zwar inhaltlich klug, aber die überaus höfliche Moderatorin traute sich nicht, die kontroversen Standpunkte zu benennen und eine wirkliche Diskussion zu initiieren. Macht nichts, die geduldigen kerpener Schülerinnen und Schüler haben diese Phase souverän ausgesessen.

Das Fazit: Ein langer, aber sehr interessanter Tag, toll organisiert von der Friedrich-Ebert-Stiftung. Der Europa-Projektkurs hat sich prächtig geschlagen und die Europaschule überzeugend vertreten!

Fotos

Abschlussbericht der Friedrich-Ebert-Stiftung

Pressespiegel

Bernd Woidtke