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Deutschland sucht verzweifelt nach hochqualifizierten Ingenieurinnen und Ingenieuren - aber nur wenige wollen diesen Beruf ergreifen. Dass diese Tätigkeit von unschätzbarer Bedeutung ist, muss kaum erklärt werden. Dass man mit gutem Ausbildungsabschluss ein hohes Gehalt erwarten kann, ist bekannt.

Was also ist los mit diesem Beruf? Cosima Schmitt, Journalistin der Wochenzeitung "Die Zeit", meint, das Image des Ingenieur-Berufes sei uncool. Seitdem sie aber mit einem Ingenieur verheiratet ist, hat sie ihre Vorurteile in den Müll geworfen und findet: Ingenieur - cooler geht es kaum.

Ein lesenswerter Artikel für Leute, die noch nicht entschieden sind, was sie nach dem Abitur studieren sollen. Hier kommt er.

Bernd Woidtke

 

Die verkannte Spezies#

Der Ingenieurberuf gilt als etwa so hip wie der des Finanzbeamten. Fand auch unsere Autorin COSIMA SCHMITT – bis sie ihren Mann traf. Nun denkt sie: Frauen, werdet Ingenieurinnen!

VON COSIMA SCHMITT

Neulich auf der Party war es mal wieder so weit. »Was macht ihr so beruflich?«, werden wir gefragt. Sekunden später bin ich von Menschen umringt. Und der Liebste steht alleine da. Der Liebste ist Ingenieur. Er entwickelt neue Techniken für Wasserpipelines, genauer: die Software dazu. Dafür bekommt er ein Gehalt, für das ich zwei Redakteursstellen gleichzeitig haben müsste. Auch über die Frage, wer den sinnvolleren Job hat, ließe sich durchaus streiten: Ich, deren Texte nach ein paar Tagen im Altpapier oder in den Weiten des Web verschwinden. Oder er, der dazu beiträgt, dass auch Wüstenbewohner verlässlich mit Wasser versorgt werden. Und doch: Er muss nur dieses Wort sagen, »Ingenieur« – und schon erstarren die Gesichtszüge der Leute. Frauen, die ihm eben noch zuzwinkerten, wenden sich ab. Männer unterdrücken ein Gähnen. Während ich sofort mit Fragen gelöchert werde – die letzte Recherche, die weiteste Reise, und was sagt du zu Merkel und den Flüchtlingen? –, heißt es bei ihm nur: »Aha, Ingenieur, interessant, du, ich geh mal mein Glas nachfüllen.« Oder sie halten ihn für eine Art Klempner und fragen, wie sie ihre kaputte Waschmaschine wieder in Gang kriegen. Und will ihm eine Frau ein Kompliment machen, sagt sie: »Du siehst gar nicht aus wie ein Ingenieur.« Ingenieur, das ist ungefährlich so hip wie Finanzbeamter oder Proktologe. Was auch erklären könnte, warum es nach wie vor wenige Ingenieurinnen gibt. Da mögen Berufsberater noch so sehr für technische Fächer trommeln. Natürlich möchten Frauen zur Männermacht aufschließen. Aber lieber auf Gebieten mit mehr Glamour.

Stimmt das Klischee?

Er muss nur seinen Beruf nennen: »Ingenieur«. Frauen wenden sich dann ab, Männer unterdrücken ein Gähnen

Logisch ist das alles nicht. Ein Kunststudent, der im Schlabberhemd herumläuft, gilt als Feingeist, dem banalen Alltag entrückt. Beim schlecht gekleideten Ingenieur murmelt sofort wer: »Karohemd und Samenstau, der studiert Maschinenbau.« Der Werber, der ein Produkt vermarktet, gilt als cool. Aber nicht der Ingenieur, der es entwickelt. Und Informatiker gelten nach wie vor als Nerds, die in virtuellen Welten hausen und sich Frauenkörpern allenfalls per Mausklick nähern. Dabei hängen die meisten von uns Nichtingenieuren und -ingenieurinnen längst selbst mehr vorm Rechner als über Büchern und gehen ohne Smartphone nicht einmal zum Bäcker. Und mit dem Berufsalltag hat das Klischee des introvertierten Tüftlers ohnehin wenig zu tun: Der Liebste etwa arbeitet eng vernetzt in internationalen Teams. Da klingelt dann morgens um sieben das Diensthandy, und ein indischer Ingenieur ist dran. Und öfter auch eine indische Ingenieurin. Frauen und Technik, das ist anderswo offenbar weniger ein Problem. Zugegeben: Früher hatte auch ich diese Bilder im Kopf. Nie wäre ich nach dem Abi auf die Idee gekommen, Ingenieurin zu werden. Dabei mochte ich Mathe und Chemie, fand es albern, wenn Mädchen so tun, als kapierten sie Physik nicht. Aber bei Wörtern wie Maschinenbau oder Elektrotechnik winkte ich ab. Nie habe ich auch nur geprüft, was genau sich hinter diesen Fächern verbirgt. Sie klangen nach zu viel Bodenhaftung in einer Lebensphase, in der man in neue Welten entschweben möchte. Und ein wenig wie Verrat an dem Ideal, dass Bildung mehr sein sollte als Wissen, das der Wirtschaft nutzt.

Ingenieur ist, zumindest an den Fachhochschulen, ein Aufsteigerstudium

Entsprechend entgeistert war ich, als ich den Liebsten kennenlernte. Hätten wir uns, statt auf einer Party auf einer Onlinepartnerbörse getroffen – ich hätte ihn wohl weggeklickt. Und auch so war ich erst skeptisch. Toller Typ, dachte ich – aber muss der ausgerechnet Ingenieur sein? Hätte es nicht wenigstens Meeresbiologie sein können? Das klingt zumindest nach Tiefsee und Abenteuer. All dies ist einige Jahre her. Aber das Image der Ingenieure hat sich kaum gebessert, wie Zeitungs- und Internettexte belegen. Das mag auch an unserem verengten Bildungsbegriff liegen. Noch immer gilt der als Intellektueller, der bei einem Glas Rotwein Heidegger zitiert und die Ilias auf Altgriechisch aufsagt. Und nicht der, der den Aufbau der Flugzeugturbine erklären kann. Mit der Welt von heute und ihren Bedürfnissen hat das wenig zu tun. Heidegger, Goethe, Schiller – alle lange tot. Heute sind es eher die Ingenieure, die (wenn sie nicht gerade Abgaswerte fälschen) den Ruf Deutschlands in der Welt hochhalten. »Klischees sind sehr langlebig«, sagt auch der Darmstädter Industriesoziologe Michael Hartmann. »Solange die mit der oberflächlichen Wahrnehmung halbwegs übereinstimmen, bleiben sie erhalten. Und an Technischen Unis sieht man nun mal viele bodenständige Leute.« Verwundern muss es niemanden, dass dort nicht die bestgekleideten Typen der Stadt sitzen. Wozu sollte der Heteromann knackige Jeans anziehen, wenn er den Tag unter Männern verbringt? Auch werden technische Fächer viel von Leuten studiert, die gearbeitet haben und sich nun weiterbilden. Wer Jahre in Betrieben geschuftet hat, trägt selten Hoodie und Basecap.

Hinzu kommt die soziale Herkunft: Ingenieur ist, zumindest an den Fachhochschulen, ein Aufsteigerstudium, zeigen Daten des Studentenwerks. Mehr als 60 Prozent haben Eltern, die selber keine Hochschule besucht haben. Oft sind sie Kinder von Handwerkern, Hausfrauen, niedrigen Beamten, müssen sich mühsam hineintasten in die akademische Welt. Da fällt es manchem schwer, mit Wortwitz zu glänzen. Schwerer zumindest als den vielen Anwalts- oder Lehrerkindern, die in den Psychologie- oder Kunstgeschichtsseminaren sitzen, von klein auf geübt, über Politik zu diskutieren, über Theaterpremieren oder den neuesten Nick-Hornby-Roman. Schaue ich heute auf Ingenieure, werte ich vieles anders. Ich freue mich, dass wir in einer geräumigen Stadtwohnung leben, unseren Kindern Ballett und Musikschule bezahlen können, ohne, wie manch Künstlerfreund, auf Zuschüsse von Oma und Opa angewiesen zu sein. Ich sehe, wie hart es für manche alleinerziehende Mutter ist, sich als Germanistin durchzuschlagen. Als Ingenieurin könnte sie sich auch mal einen Babysitter leisten. Ich erlebe, wie sich mancher Feingeist mit einem Job quält, der ihn seit Jahren nervt. Aber wechseln geht nicht, wer stellt schon einen Philosophen ein. Ingenieure haben eine Auswahl an Jobs. Ingenieurinnen sowieso, denn heute möchten die meisten Firmen schon aus Imagegründen ein paar talentierte Frauen einstellen. Und die können dann, leichter als in anderen Branchen, die Stelle wechseln, in einer anderen Stadt arbeiten oder einem fernen Land. Vor allem aber sehe ich heute, dass der Beruf kreativ und spannend sein kann. Oft widmet er sich Zukunftsthemen: Energiewende, Künstlicher Intelligenz, selbst fahrenden Autos. Das Studium mag trocken wirken – die Praxis ist es oft nicht. Und der fehlende Glamour? Das könnte sich wandeln. Jedes Klischee hält nur so lange, bis neue Bilder es überlagern. Je häufiger die Begabtesten eines Jahrgangs technische Fächer wählen, desto besser wird der Ruf dieser Fächer. Auch mehr Frauen in den Hörsälen könnten das Berufsbild verändern. Als der Liebste studierte, hieß es noch: »Das Frauenklo bei den Elektrotechnikern ist der einsamste Ort des Universums.« Heute sind etwa ein Viertel der Erstsemester in den Ingenieursfächern Frauen. Eine Massenbewegung ist das nicht. Aber ein Anfang. Zumindest das Bild des Nerds, der nicht mit Mädchen kann, ist wohl bald passé.Vielleicht heißt es in ein paar Jahren auf Partys: »Hey, du bist Ingenieurin, cool, erzähl mal!«

Die Zeit Nr. 42, 15.10.2015