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Lehrerinnen und Lehrer stehen in dem Ruf, auf jede Frage eine Antwort zu wissen. Zunehmend müssen wir uns allerdings eingestehen, ratlos zu sein. Vor allem dann, wenn es um die großen ethischen Fragen geht.

Zum Beispiel darum, wie weit die Toleranz gegenüber Religionen gehen darf und wo wir eine Grenzlinie ziehen müssen, definiert durch Aufklärung, Humanismus und Menschenrechte. Das muss kein Gegensatz sein, kann aber zu heiklen Fragen führen, zum Beispiel dann, wenn ein muslimisches Mädchen nicht mit auf Klassenfahrt gehen darf oder ein türkischer Vater einer Lehrerin nicht die Hand gibt mit Hinweis auf seine Religion.

Um in diesen Fragen etwas mehr Klarheit zu bekommen, hatten wir Lale Akgün in die Europaschule eingeladen. Sie ist in Istanbul geboren, mit neun Jahren nach Deutschland gekommen und hat den größten Teil ihres Lebens in Köln verbracht. Von 2002 bis 2009 war sie Bundestagsabgeordnete für die SPD, sie ist promovierte Psychologin und hat mehrere Bücher geschrieben, die sich mit dem interkulturellen Zusammenleben in Deutschland beschäftigen. 

In ihrem Vortrag stellte sie sich als liberale Muslimin vor. Sie sagt, nur 15% der Muslime in Deutschland seien eher konservativ bis radikal, die übrigen 85% hingegen sehen sich als moderne, liberale Muslime. Dummerweise werden diese nicht durch eine öffentlich wahrgenommene Institution vertreten, im Gegensatz zu den konservativen Muslimen, die unter anderem von der DITIB repräsentiert werden. Die DITIB aber sei ein vom türkischen Ministerpräsidenten kontrollierter und finanzierter Verein, der die Interessen der aktuellen konservativen türkischen Regierung vertrete.

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Was bedeutet nun "liberaler Islam"? Auf die Schule bezogen, meint Frau Akgün, dass sich auch eine muslimische Familie nicht einfach herauspicken kann, was ihr gefällt, und was ihr nicht gefällt (z.B. das Mensaessen, Schwimmunterricht, Klassenfahrten), das lehnt sie ab - "Das geht nicht! Entweder alles oder nichts!", sagt sie. Lale Akgün lehnt auch das aktuelle Gerichtsurteil hinsichtlich Kopftuchtragen von Lehrerinnen ab. Dieses Urteil erlaubt grundsätzlich, dass Lehrerinnen im Unterricht ein Kopftuch tragen dürfen, überlässt es der Schule, im Einzelfall über eine Regelung zu entscheiden. Akgün: Das Kopftuch ist eine politische Aussage; sie hat ebenso wenig in der Schule zu suchen wie ein Button "Wählt SPD!" am Revers eines Lehrers.

Lale Akgün fordert die Muslime dazu auf, den Koran aus seiner Zeit heraus zu verstehen. Im Koran steht 49 mal das Wort "Verantwortung" - Allah will, das jeder Mensch selbst Verantwortung für sein Leben übernimmt, Selbstbestimmung steht im Mittelpunkt des muslimischen Glaubens, nicht das gedankenlose Nachbeten von Koransuren. 

Die pointierte Art ihres Vortrages führte zu einer intensiven Diskussion mit den anwesenden Lehrer/innen, Schüler/innen und Eltern. Eine zum Islam konvertierte Mutter entgegnete Frau Akgün: "Warum akzeptieren sie nicht, dass ich Angst um meine Tochter habe, wenn sie auf Klassenfahrt geht und dass ich deshalb überlege, sie nicht mitzuschicken?" Akgün: "Ich bin Psychologin, daher habe ich mich viel mit der Angst beschäftigt. Was aber ist - in diesem Fall - die reale Basis der Angst? Es ist die Vorstellung einer total sexualisierten Welt, in der es nur um eines geht: Sex. Das ist aber ein Irrtum! Schülerinnen und Schüler in der sechsten oder siebten Klasse habe alles andere im Sinn, wenn sie auf Klassenfahrt gehen!" Ihr assistierte eine Lehrerin: "Kommen Sie doch einfach mit auf Klassenfahrt. Sie werden sehen, dass es vollkommen gesittet zugeht und dass wir Lehrerinnen und Lehrer unserer Aufsichtspflicht sehr verantwortungsbewusst nachkommen."

Die engagiert geführte Diskussion führte letztendlich zu einer - nicht neuen, aber immer wieder richtigen - Erkenntnis: Wir müssen miteinander reden!

Ein spannender und erhellender Abend; ein herzliches Dankeschön an Lale Akgün!

Bernd Woidtke