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„Sozial ist was Arbeit schafft“ - diese Aussage hörte man seit der Verkündung der Agenda 2010 im Jahre 2003 immer häufiger. Und nicht nur die damals regierende Koalition aus SPD und Grünen vertrat diese Auffassung, sondern auch die CDU warb in Bundestagswahlkämpfen öfters mit dieser These. Sozialpolitisch stellt sich da natürlich die Frage, ob und wie es besser sein kann einen schlecht bezahlten und unangenehmen Job zu haben als gar keinen, und ob wir es ethisch vertreten können, dass sich immer mehr Menschen dank eines sehr niedrigen Lohnes in Zukunft auf Altersarmut einstellen müssen.

Alle diese Fragen stellten sich unsere Volksvertreter im deutschen Bundestag in den letzten Jahren und sie sind leider noch zu keiner zufrieden stellenden Lösung gelangt. Wenn wir einmal ehrlich sind, hat es die meisten von uns Schülern auch nicht wirklich interessiert, betroffen von dieser Frage waren wir ja nicht - zumindest nicht direkt.

Doch selbst wenn man die Spannungen und Ungerechtigkeiten, die sich durch die fortwährende Vergrößerung des Niedriglohnsektor und ihrer Folgen ergeben, ignoriert, so scheint sich hier eine allgemeine Geisteshaltung abzuzeichnen, die alle Menschen diese Landes betrifttt: Sei wettbewerbsfähig!

So positiv und friedensstiftend die Globalisierung auch ist, sie führt zu immer mehr internationalem Wettbewerb, der uns alle herausfordert besser, schneller und stärker zu sein als alle Anderen. Nur wer weiterhin wächst und effizienter wird, kann seinen sozialen Status Quo beibehalten oder ausbauen. Spätestens seit der ersten PISA-Studie aus den Jahr 2000 wissen wir in Deutschland, wie sehr sich diese Entwicklung auch auf den Alltag von uns Schülern auswirkt. Auch wir werden bereits darauf getrimmt möglichst reibungslos und schnell in den Beruf überzugehen und unseren wirtschaftlichen Beitrag für die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zu leisten.

G8 und Co. sind dabei die Werkzeuge. Doch wozu soll das noch hinführen?

Wie man heute in der Süddeutschen Zeitung lesen könnte, fordern die Bildungsminister der Bologna-Staaten auf ihrer Konferenz in armenischen Eriwan eine Reform des Bachelors hin zu mehr Arbeitsmarktfähigkeit. Wenn also selbst das heilige Hochschulstudium schon so sehr von der Wirtschaft unterlaufen wird, wo ist Bildung dann noch frei? Ich selbst habe mich über die starren und standardisierten Lehrpläne der Oberstufe hinweggetröstet, in dem ich auf mehr Freiheiten im Studium hoffte.

Jedes mir bekannte pädagogische Lehrbuch sagt ihnen eines unverblümt: Bildung zeichnet sich durch das freie und eigenständige Aneignen von Fähigkeiten und Kompetenzen aus. Wird dieser Freiheitsaspekt entfernt, können wir streng genommen nicht mehr von Bildung sprechen. Das ist Erziehung. Das Ergebnis sind also auch keine gebildeten, sondern erzogene Menschen. Im Extremfall geht dabei die Reflexionsfähigkeit des Einzelnen völlig verloren. Die Auswirkungen auf die Persönlichkeiten von Schülern der Zukunft sind kaum abzusehen, sicher ist nur, dass auch die Identitätsentwicklung immer erschwerter sein wird.

Ist es uns also Wert für unsere verbesserte Wettbewerbsfähigkeit mehr und mehr Berufsroboter zu erschaffen? Oder ist nicht viel mehr Sozial, was Zufriedenheit schafft?

Zum Nachlesen:

http://www.sueddeutsche.de/bildung/studium-tiefer-zwist-zwischen-politik-und-unis-1.2478046 

Von Marvin May