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Aus: Die Zeit Nr. 27, 26.6.14/Kinderzeit

VON HARTMUT EL KURDI 

Habt Ihr jetzt, kurz vor den Zeugnissen, auch manchmal das Gefühl, dass sich in der Schule alles nur noch um die Noten dreht? Darum, wie viele »Einsen«, »Zweien« oder wenigstens »Dreien« am Ende auf dem Papier stehen? Ich finde das schade, denn in der Schule sollte es eigentlich um Wichtigeres gehen. Um Dinge, die einem nur richtig gute Lehrer beibringen können. Glücklicherweise gibt es die an fast jeder Schule, bestimmt auch bei Euch – so wie es wahrscheinlich auch die unangenehmen und doofen gibt. So ist das nun mal. 

Ich hatte zwar nicht viele, aber doch ein paar dieser guten Lehrer. Es fing an mit meiner Grundschullehrerin Frau John, die zu meiner Mutter sagte: »Wenn Sie den Jungen nicht aufs Gymnasium gehen lassen, ist das ein Verbrechen. Ein Kind, das so neugierig ist, muss so viel wie möglich lernen!« Meine Mutter wollte mich auf die Realschule schicken. Aber das ließ Frau John nicht zu. Obwohl ich ihr vorher ziemlich auf den Senkel gegangen war. Weil ich ständig dazwischenquatschte und nicht länger als zehn Minuten still sitzen konnte. Einmal habe ich sie sogar getreten, weil sie mich wütendes, kleines Bündel festhielt, als ich mich im Werkunterricht mit meinem Freund Matthias kloppte. Aber Frau John war hart im Nehmen. 

Neben Geduld müssen Lehrer und Lehrerinnen vor allem aber einen Sinn für Gerechtigkeit haben

Später, auf dem Gymnasium, lernte ich von »Doc« Müller – der eigentlich Dr. Horst Müller hieß –, was es bedeutete, sich richtig für etwas zu begeistern. Wenn es um sein Schultheater ging, war ihm vieles andere egal. Er wollte einfach gutes Theater machen. Wir duzten »Doc«, obwohl das bei uns an der Schule völlig unüblich und er auch schon älter war. Er bestand nur darauf, dass wir nicht »Horst«, sondern eben »Doc« zu ihm sagten. Wir fanden das lustig, weil es klang, als sei er ein Buschdoktor in einer australischen Arztserie. Wir probten tagelang und auf Theaterfreizeit manchmal auch die halbe Nacht durch. Keiner von uns bekam eine Note dafür. Wir nahmen am Schultheater teil wie er selbst: außerhalb des Unterrichts, freiwillig und fast fanatisch. 

Diese vier Jahre Schultheater waren für mich wichtiger als 13 Jahre Mathe-Unterricht. Vielleicht hätte ich ohne den »Doc« keinen Beruf. So aber bin ich Schriftsteller, Regisseur und Schauspieler geworden. Auch wenn ich im Theater ganz anders arbeite als »Doc« damals mit uns – die wichtigsten Dinge fürs Theater habe ich bei ihm gelernt. 

Der tollste Lehrer, den ich hatte, war Herr Kollmann. Geschichte und Gesellschaftslehre. Er stand kurz vor der Pensionierung, war aber im Kopf jünger als mancher Referendar. Egal, welche Meinung jemand hatte, er nahm sie ernst und respektierte sie. Aber er verlangte von uns, dass wir sie begründeten, und ließ uns dann diskutieren. Wenn einer sagte: »Ich bin dafür, dass alle Schulen geschlossen werden«, fragte er: »Warum?« Und wenn man gute Argumente hatte, nickte er und sagte: »Sehr gut. Wer hat ein Gegenargument?« Für ihn war das keine Zeitverschwendung, kein Gelaber. Er wollte, dass wir Demokratie »übten«. Ganz praktisch. 

Kollmann war auch raffiniert. Trotz seines tollen Unterrichts schwänzte ich fast jede zweite Stunde bei ihm. Aber statt mich zu bestrafen, gab er mir weiter eine »Eins« im Zeugnis. So lange, bis es mir peinlich wurde und ich mit dem Schwänzen aufhörte. Mit Geduld und Vertrauen hatte er mich überlistet.

Neben Geduld müssen Lehrer und Lehrerinnen vor allem aber einen Sinn für Gerechtigkeit haben, so wie Herr Heimann. Der war in der neunten Klasse mein Klassenlehrer und rief mich nach der Stunde einmal zu sich, weil er meinte, ich hätte mich im Unterricht schlecht benommen. Er war so sauer, dass er mich fünf Minuten lang anschrie. Dann sagte er zu mir: »So, und jetzt bist Du dran. Gerne auch laut.« Er hatte mir die Meinung gesagt, danach durfte ich das andersherum auch. Das tat ich. Ich schrie ihn vielleicht nicht fünf, aber immerhin zwei Minuten lang an. Heimann sagte: »Ich hoffe, wir haben uns verstanden.« Ich sagte: »Ich glaube schon.« Und ich dachte: Respekt! Das muss man als Lehrer erst einmal bringen! Und so benahm ich mich ihm gegenüber danach auch: respektvoll. 

Es gibt noch ein paar, die auf meiner Liste richtig guter Lehrer stehen. Zum Beispiel Frau Brede, die mir in den Ferien umsonst Nachhilfe gab, weil sie wusste, dass wir kein Geld hatten. Oder Herr Greib, der, wenn sich andere Lehrer über mich beschwerten, immer zuerst fragte: »Okay, und wie ist Deine Version?« Und der mir dann auch glaubte. 

Die zwei oder drei tollen Lehrer, für die jetzt kein Platz mehr ist, sind mir hoffentlich nicht böse. Gemeinsam hatten sie alle: Sie haben mich ernst genommen, waren auf der Seite von uns Schülern, haben uns das Gefühl gegeben, dass wir wichtig waren. Gute Lehrer glauben nämlich an »ihre« Kinder und verteidigen sie, selbst wenn sie mal Mist bauen. Sie geben auch schwierigen Schülern eine zweite und dritte Chance. Gute Lehrer sehen vor allem, was ein Schüler kann und nicht nur seine Schwächen. Und sie können begeistern. Weil sie selbst von ihrem Beruf begeistert sind und Begeisterung eben ansteckend ist. Dann arbeitet man in ihrem Unterricht mit wie ein Irrer – nicht, weil man auf die Noten schielt, sondern einfach nur, weil man es so interessant findet.