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Liebe Weihnachtsgemeinde!

 

Teenagerschwangerschaften sind bundesweit rückläufig, was angesichts breit angelegter Präventionsmaßnahmen in Schulen, medialer Informationsflut und unproblematischen Zugangs zu Verhütungsmitteln logische Konsequenz ist.

 

Im Kreis Euskirchen aber ist seit Anfang des Jahres ein bemerkenswerter Anstieg von Teenagerschwangerschaften zu verzeichnen. „Von Januar bis Ende April wurden 13 schwangere Mädchen hier in der Beratungsstelle vorstellig“, so erzählt Beraterin Karla Götze dem Kölner Stadtanzeiger in der Regionalausgabe für den Kreis Euskirchen. Die Mädchen seien zwischen 13 und 17 Jahre alt, stammten aus allen Gesellschaftsschichten und besuchten unterschiedliche Schulen.

 

Die jungen Schwangeren kamen zwischen der vierten und elften Woche in die Beratungsstelle, alle brachten sie Begleitung mit, „größtenteils Familienangehörige, nur wenige kamen mit ihrem Partner“, so Götze. Sie und ihre Kolleginnen beraten normalerweise im Jahresschnitt 24 minderjährige Schwangere, „jetzt haben wir bereits über 20 Prozent mehr“.Auch für die erfahrenen Fachfrauen ist es nicht immer einfach, diese  junge Mädchen zu beraten: Schließlich sei es nicht immer klar, welchen Rückhalt die jungen Schwangeren seitens der Familie und des Partners hätten, wie reif sie seien und ob sie sich in ihrer Vorstellung als Mutter in einer Fantasiewelt bewegten. Nach Ansicht der Fachberaterin denken viele, „ dass ansonsten nicht mehr viel kommt im Leben“ .

 

Wie gleichen sich doch die Situationen: Hier und heute junge Frauen, noch halbe Mädchen, schwanger, allein mit sich und der ungewohnten Situation, dem werdenden Leben in sich. Und einst, vor mehr als 2000 Jahren eine junge Frau, vielleicht gerade 14,15, Jahre alt.
 

Als Elisabet im sechsten Monat war, sandte Gott den Engel Gabriel nach Nazaret in Galiläa zu einem jungen Mädchen mit Namen Maria. Sie war noch unberührt und war verlobt mit einem Mann namens Josef, einem Nachkommen Davids. Der Engel kam zu ihr und sagte: »Sei gegrüßt, Maria, der Herr ist mit dir; er hat dich zu Großem ausersehen!« Maria erschrak über diesen Gruß und überlegte, was er bedeuten sollte. Da sagte der Engel zu ihr: »Hab keine Angst, du hast Gnade bei Gott gefunden! Du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären. Dem sollst du den Namen Jesus geben. Er wird groß sein und wird ›Sohn des Höchsten‹ genannt werden. Gott, der Herr, wird ihn auf den Thron seines Ahnherrn David erheben, und er wird für immer über die Nachkommen Jakobs regieren. Seine Herrschaft wird nie zu Ende gehen.«

 

Maria fragte den Engel: »Wie soll das zugehen? Ich bin doch mit keinem Mann zusammen!« Er antwortete: »Gottes Geist wird über dich kommen, seine Kraft wird das Wunder vollbringen. Deshalb wird auch das Kind, das du zur Welt bringst, heilig und Sohn Gottes genannt werden. Auch Elisabet, deine Verwandte, bekommt einen Sohn – trotz ihres Alters. Sie ist bereits im sechsten Monat, und es hieß doch von ihr, sie könne keine Kinder bekommen. Für Gott ist nichts unmöglich.« Da sagte Maria: »Ich gehöre dem Herrn, ich bin bereit. Es soll an mir geschehen, was du gesagt hast.« Darauf verließ sie der Engel.

 

Mit hilfreichem Erstaunen höre ich als Protestant diese Stelle. Da begegnet mir eine junge Frau, deren Lebenspläne völlig über den Haufen geworfen werden. Ich stelle mir vor, wie diese Frau im Alter zwischen 14 und 16 sich ihre Zukunft vorstellt. Die Voraussetzungen dafür waren gelegt. Sie ist verlobt, hat einen Mann mit sicherem Auskommen gefunden, der ihr eine sicheres zuhause geben kann. Sie will ein ruhiges Leben führen. Als Ehefrau eines angesehenen Handwerkers, viele Kinder –möglichst Söhne - bekommen. Sie malt sich aus, wie sie den Familienbetrieb erweitern und ihren Kindern und Enkelkindern ein gutes Leben bieten kann.

 

Doch mitten hinein in diese Zukunftsvision platzt jemand, der alle Pläne zunichte macht. „Sei gegrüßt, du begnadete, der Herr ist mit dir!“ Die Reaktion Marias auf diese Anrede wird deutlich vom Evangelisten Lukas beschrieben: Maria erschrak über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe. Was also mag Maria überlegt haben in diesem Moment? Hatte sie eine Ahnung davon, was mit ihr geschehen wird?

 

Der Bote Gottes, der in der Vorstellung des Evangelisten Lukas nur ein Engel sein kann, eröffnet seine Nachricht  mit warnenden Worten: „Fürchte dich nicht, denn du hast bei Gott Gnade gefunden.“ Doch diese Worte können für Maria angesichts der nun folgenden Worte kaum Trost gewesen sein. Denn die nachricht des Engels wirft all ihre Pläne über den Haufen. Eine Schwangerschaft unter dubiosen Vorzeichen war damals noch dramatischer als sie es heute noch ist: Denn schließlich ist eine Unverheiratete, allenfalls Verlobte : Und damit Mutter eines nicht geplanten Kindes: Maria, voll der Schande….

 

Schlagartig sind damit alle Pläne von der Zukunft als Herrin in einem Handwerksbetrieb zunichte gemacht. Von einer auf die andere Sekunde ist da das Gefühl, dass ansonsten nicht mehr viel kommt im Leben.

 

Es gleicht sich nicht nur der Umstand - welch schönes Wort in diesem Zusammenhang! - denn die Situation Marias kann gleichsam auch als Chiffre dienen für uns alle - egal wie jung oder alt wir sind, egal ob männlich oder weiblich.  Haben wir nicht alle Pläne für unsere Zukunft? Malen wir in Gedanken nicht schon in jungen Jahren die Landkarte unsers Lebens aus? Schule, Abitur, Ausbildung ,Studium. Familie  gründen, Hausbau, berufliche Etablierung, bis hin zur Rente? Und erleben wir nicht auch alle das, was Maria geschieht? Nämlich, dass unsere Pläne blitzschnell zunichte gemacht werden? Durch irgendein unbekanntes, unvorhersehbares Detail, das die Zukunft verbaut: Nichtbestandene Prüfungen, familiäres Scheitern, berufliche Niederlagen. Krankheit, Unfall, Rentenreform, gesellschaftlicher Umbau.

  

Was mich an der Geschichte über Maria erstaunt, ist ihre Reaktion auf die Nachricht des Engels, mit der ihrem Leben eine völlig andere Richtung gegeben wird. Kein Aufbäumen, kein Trotz, keine Verzweifelung, keine offenen oder heimlichen Tränen, keine Flucht in Phantasiewelten. Stattdessen nur ein  leises „Ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe, wie du gesagt hast.“

 

Wie unterschiedlich die Reaktion der Maria gegenüber unserer. Wir reagieren so ganz anders, wenn unsere Lebenspläne plötzlich zerschlagen werden. Mit offener Wut, heimlichen Tränen, tiefer Depression. Mit stolzem „Jetzt aber erst recht!“, oder aber „Augen zu und durch“. Nicht aber mit jenen Worten, die Maria benutzt: „Mit geschehe, wie du Gott geplant hast.“

 

Das, was ich als Evangelischer an diesem Weihnachtsabend  von der angeblich so katholisch besetzten Maria lerne, ist simpel gesagt: Gottvertrauen. Sie lehrt mich, dass Gott es in allen Lebenslagen gut mit mir meint. Sie zeigt mir, dass in noch so widrigen Lebensänderungen unerwartete Möglichkeiten stecken, die unser Leben reich machen können.

 

Denn was wäre geschehen, hätte Maria nicht die Worte „Mir geschehe, wie du es gesagt hast!“ gesprochen? Was wäre heute abend, hätte sie stattdessen ein lautes und resolutes „Nein!“ gesagt? Wo stände die Menschheit, hätte sie auf ihren Plänen bestanden? Und was täten wir heute abend, hätte sie sich dem Boten Gottes mit dem Hinweis auf ihre Lebensplanung widersetzt und eine jener Frauen aufgesucht, die sich auch schon damals auf die andere Seite der Frauenheilkunde  verstanden.

 

Fest steht: Erst dadurch, dass sich die junge Maria in den Plan Gottes einbinden lässt, wird jener Jesus geboren, der etliche Jahre später in Judäa für Furore sorgt. Ohne den Gehorsam Marias kein Jesus, ohne Jesus keine Hoffnung für die Menschen, kein Christentum und - auch kein Weihnachten.

 

Die Geschichte dieser jungen Frau lehrt uns im Vertrauen auf Gottes unerwartete Möglichkeiten zu leben. Natürlich kann es dabei geschehen, dass unsere Lebenspläne durchkreuzt werden und unser Leben eine unerwartete Wendung nimmt und nichts bleibt, wie es bis eben war.

 

Wenn es in ihrem, eurem, unserem Leben wirklich so kommt, hilf es vielleicht sich zu erinnern. An den Weihnachtsabend 2013, an diese Kirche, an die Geschichte der angeblich so katholischen Maria. Und es hilft ihr Gottvertrauen: „Für Gott ist nichts unmöglich. Darum geschehe mit mir, wie du es gesagt hast.“ Amen.

 

Ralf Herbertz