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Dass sechzig Schülerinnen und Schüler der fünften und sechsten Klasse, die sich gemeinsam in einem Unterrichtsraum befinden, durchaus in der Lage sind, einen sehr hohen Lautstärkepegel zu entwickeln, weiß jeder, der einmal eine Schule von innen gesehen hat. Weniger alltäglich ist es dagegen, wenn sechzig Schülerinnen und Schüler mucksmäuschenstill, hochkonzentriert und mit weit geöffneten Ohren im Musikraum sitzen, um gebannt dem ersten Satz von Wolfgang Amadeus Mozarts Sonate e-Moll für Violine und Klavier zu lauschen. Am Mittwoch, dem 2. April, gelang zwei international erfolgreichen Musikern dieses Kunststück in der Europaschule Kerpen: die junge Geigerin Lisa Schumann und ihr Duopartner am Klavier, der Pianist Darko Kostovski, verzauberten mit ihrem leidenschaftlichen Vortrag des Mozart’schen Werks auch Ohren, die ansonsten eher Rockiges oder Poppiges gewohnt sind.

Tatsächlich hatten die meisten Schülerinnen und Schüler dem neugierigen Musiklehrer zuvor im Unterricht anvertraut, „selten“ oder „nie“ klassische Musik zu hören. Umso eindrucksvoller war es zu sehen, wie unmittelbar die mehrere Jahrhunderte alten Werke von Johann Sebastian Bach, Mozart, Nicolo Paganini und Johannes Brahms, die das Duo den Schülerinnen und Schülern der Klassen 5.4 und 6.8 präsentierte, die jungen Zuhörer zu berühren vermochten: Wie der zweiundzwanzigjährige Mozart seinen Schmerz über den unerwarteten Tod seiner Mutter, die ihn bei seiner Konzertreise quer durch Europa bis nach Paris begleitetet hatte, im zweiten Satz seiner Sonate in Töne setzte, wird auch für heutige Ohren unmittelbar plausibel. „Das war so schön“, schwärmte nachher eine Schülerin noch auf dem Weg zurück in die Klasse, „man konnte richtig gut hören, wie traurig Mozart damals gewesen ist“.

Genau dies ist das Ziel der bundesweiten Initiative „Rhapsody in School“, die vor einigen Jahren von dem renommierten Pianisten Lars Vogt ins Leben gerufen worden ist: jungen Menschen die Scheu vor einer Musik zu nehmen, die zwar alt, aber deshalb längst nicht altmodisch ist – einer Musik, die spielerisch oder ernst, mutwillig oder versonnen von zutiefst menschlichen Empfindungen zu sprechen vermag. Dazu bedarf es freilich engagierter Künstler wie Lisa Schumann und Darko Kostovski, die bei aller selbstverständlichen Professionalität durch ihre in jeder Sekunde spürbare Begeisterung, aber auch durch ihre lebendige, unprätentiöse Art allerlei Vorurteile und Berührungsängste gegenüber klassischer Musik als einer vermeintlich nur für Eingeweihte bestimmten Kunst zu zerstreuen vermögen. „Ihr könnt mich ruhig Lisa nennen, denn schließlich bin ich auch nicht viel größer als ihr“, frotzelte die vielfach preisgekrönte Geigerin in Anspielung auf ihre Körpergröße gleich zu Beginn, um die Schülerinnen und Schüler im weiteren Verlauf durch allerlei interessante Geschichten zu fesseln: Mochte manch einer zunächst neidvoll vernommen haben, dass Lisa, die in einer Musikerfamilie großgeworden ist, während ihrer Schulzeit wegen der Teilnahme an diversen musikalischen Wettbewerben immer wieder einmal für längere Zeit vom Unterricht befreit war, so wendete sich das Blatt, sobald sie davon erzählte, wie sie dann anschließend den Stoff zweier Schulwochen in zwei Tagen nacharbeiten musste, um die anstehenden Tests und Klausuren zu bewältigen…

Und natürlich erfuhren die Schülerinnen und Schüler auch allerlei Wissenswertes über Lisa Schumanns Instrument – so, wenn die Virtuosin zusammen mit Nina Sacha aus der 5.4 anschaulich den Aufbau der Geige und die Funktion des Kinnhalters erläuterte oder die klanglichen Unterschiede zwischen ihrer beinahe zweihundertzwanzig Jahre alten italienischen Violine und einem Instrument des berühmten französischen Geigenbauers Jean Baptiste Vuillaume aus dem 19. Jahrhundert demonstrierte. Nur ein Geheimnis wollte Lisa Schumann trotz mehrfacher neugieriger Nachfragen nicht lüften: Wieviel ihre beiden historischen Instrumente denn nun wert seien? So konnte man nur ahnen, dass ihr Preis sich in ganz anderen Regionen bewegen dürfte als derjenige jener Kindergeige für 50 €, der die Fünftklässler Hannah Wirtz und Emre Tuncer unter ihrer fachkundigen Anleitung schnell erste Töne entlockten.

Selbstverständlich drängten sich die Schülerinnen und Schüler am Ende des ebenso eindrucksvollen wie kurzweiligen Besuchs darum, ein Autogramm der beiden sympathischen Musiker zu ergattern. Angesichts der Begeisterung, die den jungen Fans ins Gesicht geschrieben war, bleibt nur zu hoffen, dass dieser Veranstaltung der ehrenamtlichen Initiative „Rhapsody in School“ noch viele weitere Musikerbesuche in der Europaschule Kerpen folgen werden.

Fotos

 

Dr. Ralph Paland