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In einigen Jahren werden die heutigen Abiturient/innen sagen können: Wir sind ein besonderer Jahrgang, nicht nur, weil wir das Abi geschafft haben, sondern weil wir es im Jubiläumsjahr gemacht haben – wer kann das schon von sich sagen? 

Gut, die Schule wird 50, aber das brauchte es gar nicht, um den Abiturient/innen klarzumachen, wie besonders sie sind: Sechs Schüler/innen erreichten einen 1,0-Schnitt, 20 einen Schnitt bis 1,3 und ein Fünftel einen Durchschnitt von 1,9! Darauf verwies die Schulleiterin Tatjana Strucken in ihrer Abitur-Rede. 

Diese stark beklatschte Rede hatte es in sich: Frau Strucken arbeitete sich am Motto des aktuellen Abiturjahrganges ab: „El Abituro – 12 Jahre Siesta, jetzt Fiesta“. Eigentlich bieten die Abi-Slogans eine Steilvorlage für die Abi-Reden, dieses Motto war da schon etwas sperriger, wie die Schulleiterin, studierte Germanistin, analysierte. „Siesta“ steht ja in Spanien für die lange Mittagspause, für ausruhen, neudeutsch „chillen“, aber in keinem Fall für arbeiten – viel zu heiß! Im spanischen Klima also eine vernünftige Haltung. Aber 12 Jahre mit dieser Einstellung am Gymnasium Kerpen? Ok, es gibt auch diese Situation: Letzter Block in Raum 306, draußen heftige Sonne, drinnen Power-Point-Präsentation über ein, sagen wir mal, eher theoretisches Thema – da könnte die innere Siesta-DNA sich schon mal durchsetzen. Frau Strucken verwies aber auf die oben erwähnten Erfolgsmeldungen: 12 Jahre Siesta können es nicht wirklich gewesen sein! Vielleicht aber war es auch so: Man verließ sich auf die gute Arbeit der Lehrer/innen, der Beratungslehrer/innen, auf all die schulischen Hilfskräfte, auch die Eltern, die einen von schlafwandlerischen Irrpfaden wieder in die Realität holten. Also sozusagen Siesta mit Sicherheitsnetz. Ab jetzt nun Fiesta? Nun ja, möglicherweise unterschätzen die Schüler/innen die enge Struktur der universitären Studiengänge nach der Bologna-Reform, meinte Strucken, da heißt es dann nicht nur positiv denken, sondern auch: sich Freiräume suchen, einen angemessenen Rhythmus von Siesta/Fiesta und Anstrengung erreichen. 

Zum Schluss kam sie noch einmal auf die besonderen Leistungen dieses Jahrgangs zu sprechen. Und für sie sind das nicht nur die schulischen Noten, sondern auch besondere soziale Anstrengungen, beispielhaft nannte sie die Aktion Deutsch für Flüchtlinge, die Schulsanitäter, die Sporthelfer, das Erasmus-Projekt. Sie hob den amtierenden Schülersprecher Ilias Essaida hervor, der die SV stark vorangebracht hatte.

Zwei Stunden vorher. Im Abiturgottesdienst, der den Abi-Festabend eröffnete, ist man seit Jahren gespannt auf die Predigten des evangelischen Schulpfarrers Ralf Herbertz. Sie vereinen regelmäßig theologische Reflektionen mit Alltagserfahrungen, so dass jeder und jede, egal ob religiös oder nicht, die Kirche mit dem Gedanken verlassen kann: Ja, stimmt, das ist ein kluger Gedanke, den nehmen ich mit auf meinen Weg. 

Diesmal nahm er sich, gemeinsam mit der katholischen Gemeindereferentin Claudia Overberg, das Buch Josua aus dem Alten Testament vor. Josua war der Nachfolger Mose, er sollte die israelitischen Stämme ins Land Kanaan führen. Ein schwieriges, gefährliches Unterfangen. Gott habe ihm gesagt: Folge meinen Anweisungen, schaue nicht rechts und nicht links, vertraue mir, ich werde dich ans Ziel führen. Soweit, so gut. Was will uns diese alte Geschichte sagen? Ralf Herbertz beamt uns ins Jahr 2018, in den Pfingsturlaub, den er mit seiner Frau Simone in Tirol verbringt. Sie wandern, plötzlich zeigt der Wegweiser in eine offensichtlich unsinnige Richtung - was tun? 

Jetzt kommt der Cliffhanger – wenn du wissen willst, wie es weiterging, dann klick hier auf die Predigt! Da findest du auch die Moral der Josua-Geschichte und der Pfingstwanderung – jedenfalls macht sie Mut und Hoffnung! Wie jedes Jahr eine eindrucksvolle Predigt in einem emotionalen Gottesdienst. Ralf Herbertz meinte zum Abschluss: „Wenn Ihnen beim Irischen Segenslied die Tränen kommen – lassen Sie es zu!“ Mindestens eine Mutter (Name der Redaktion bekannt) stand dazu.

Zurück zur Abi-Feier. Bürgermeister Dieter Spürck ging in seiner Rede zunächst auf den sich immer mehr beschleunigenden technischen Fortschritt ein und verwies dann auch auf den zukünftigen Weg der Abiturient/innen: Ja, es können Steine auf Ihrem Weg liegen, dann verzagen Sie nicht, sondern bauen Sie eine Treppe aus diesen Steinen! A propos Steine: Er kam auch auf das intensiv diskutierte Thema Neubau oder Sanierung des Schulgebäudes zu sprechen. Zurzeit gibt es ein retardierendes Moment: Das aktuelle Gebäude könnte unter Denkmalschutz gestellt werden. Diese Hürde muss zunächst genommen werden. Die Politik ist mit Mehrheit der Meinung, dass ein Neubau zu favorisieren sei. 

Die Vorsitzende der Schulpflegschaft, Kathi Räke, stellte ihre Rede unter das Motto: „Like it, change it or leave it!“ "Nehmt das als Lebensmotto, packt die Probleme an, wenn ihr nicht auf dem richtigen Weg seid, dann ändert ihn. Dazu gehört Mut! Seid offen für die Welt!" 

In einer erfrischend ironischen Rede kamen Anna Carnott und Ilias Essaida im Namen der Abiturientia zu einem geradezu versöhnlichen Fazit von 12 Jahren Schulzeit: Sehr gute Lehrer, Gespräche auf Augenhöhe, ein Dank an alle Unterstützer, an Eltern, an die Mitschüler/innen.  Ein kleiner Seitenhieb auf das „schreckliche Orange“ und den „fiesen Teppichboden“ brachte die positive Grundstimmung nicht wirklich ins Wanken, denn was hatte ihnen ein Lateinlehrer mit auf den Weg gegeben: „Mit dem Abitur gehört ihr zur Elite des Rhein-Erft-Kreises!“ Das ist doch schon mal was!

Eine kurzweilige und würdige Abiturfeier, umrahmt von der vortrefflichen Musik von Leonard Cohnen, Klavier, Ramona Shyam Shankar, Gesang, und Nathalie Minnich, Klavier. 

Fotos von Jochen Schnabel

Bernd Woidtke