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Die Artikelserie über die diesjährige Abi-Mottowoche bemüht sich ja um eine hohe intellektuelle Qualität, wie die Mottotage selbst ja auch (hört auf zu lachen). Daher ist beim Thema „Helden der Kindheit“ zunächst eine Literaturrecherche anzuraten.

„Held, griechisch Heros, ist einer, der von Natur mit einer ansehnlichen Gestalt und ausnehmender Leibesstärcke begabet, durch tapfere Thaten Ruhm erlanget, und sich über den gemeinen Stand derer Menschen erhoben.“ So steht es im „Grossen vollständigen Universal-Lexicon Aller Wissenschaften und Künste“. (Ich gebe zu: zitiert nach Wikipedia.)

Dann schauen wir doch mal, ob die Helden der Kindheit unserer aktuellen Abiturienten diesem hehren Anspruch genügen.

Die häufig auftauchende Biene Maja hat durchaus ansehnliche Gestalt, die „Leibesstärcke“ kann, gemessen an ihrer Größe, wahrscheinlich auch als überdurchschnittlich angesehen werden. Tapfere Taten: Unbedingt, denn sie warnt ja ihr Bienenvolk vor dem Angriff der Hornissen. Allerdings erhebt sie sich nicht über den Stand der Menschen, vielmehr bewundert sie sie und möchte sie gerne kennenlernen. Also: 3:1 für die Heldin Maja.

Barbie, eine der meistverkauften Puppen der Welt – sie tauchte beim heutigen Abi-Mottotag häufig auf. Eine Heldin? Ok, checken wir das. Ansehnliche Gestalt? Geschmacksache, genderpolitisch sehr fraglich. Ruhm? Naja. Leibesstärke? Eher nicht. Über den gemeinen Stand der Menschen erhoben? Nö. Also, Barbie, tut uns leid, als Heldin bist du aus dem Rennen.

Jetzt muss aber Super Mario ran. Ansehnliche Gestalt? Naja. Klein und dicklich, sein Schnauzbart ist eher lustig als cool. Taten: Ok, als Jump-and-run-Figur ziemlich auf Draht. Über die Menschen erhoben? Immerhin ist er die erfolgreichste Videospielfigur der Firma Nintendo, sorgt für Millioneneinnahmen. Fazit: Ganz knapp auf der Heldenseite, mit viel Wohlwollen.

Immer noch kein 4:0-Held in Sicht? Wie wär’s also mit Fußballern? Diverse Abiturienten trugen entsprechende Trikots. Neymar? Zur Zeit verletzt, zu keinen Ruhmestaten fähig. Xavi Alonso, Ex-Real, Ex-Bayern? Anklage wegen Steuerhinterziehung. Ihm drohen mehrere Jahre Gefängnis. Ronaldo? Body und Leibesstärke: Ok. Ruhmestaten? Fußballerisch auf jeden Fall. Über den Menschen stehend? Nö. Narzisstische Störung, dringend therapiebedürftig. Daher deutlicher Punktabzug. Als Held fragwürdig.

Mist. Gibt’s denn wirklich keine Helden? Liebe Kinder, leider ist dies die Wahrheit: Nein, es gibt keine Helden. Du musst selber zum Helden oder zur Heldin werden. Und die Ausscheidungskriterien sind heute auch anders: Ansehnliche Gestalt: Nett aber überschätzt. Leibesstärke: Bisschen sportlich ist gesund, mehr muss nicht sein. Ruhmestaten: Naja, sich ein bisschen anstrengen ist ok, aber Ruhm ist vergänglich. Über die Menschen sich erheben: Auf keinen Fall, hatten wir zu oft, wollen wir nie wieder.

Klug, wie unsere Abiturienten sind, haben sie all das schon gewusst, haben in intelligenter Selbstreflexion und Selbstironie ihr gebrochenes Verhältnis zu den Pseudo-Helden ihrer Kindheit zum Ausdruck gebracht und damit am letzten Tag der Mottowoche ihre überragende geistige Reife bewiesen.

Fotos

Bernd Woidtke