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Axel Voss, Abgeordneter im Europäischen Parlament, links, mit dem Diff-Kurs Europa in Brüssel

Man kann sich gut vorstellen, dass ein Abgeordneter des Europäischen Parlaments zurzeit enorm unter Druck steht: Die Briten exerzieren den Brexit, sie hauen ab aus Europa. Die Franzosen liebäugeln mit der Europa-Hasserin Marine Le Pen, wählen sie dann - zum Glück! - doch nicht zur Präsidentin. Auch in den Niederlanden geht es bei der Parlamentswahl noch einmal knapp am Europa-Desaster vorbei, ähnlich wie in Österreich bei der Bundespräsidentenwahl.

Man hat also einiges zu erklären als überzeugter Europäer. Das tat Axel Voss. Er ist Abgeordneter im EU-Parlament, zuständig auch für den Rhein-Erft-Kreis, und empfing uns, den Diff-Kurs Europa, am 8.6.17 in Brüssel zu einem Gespräch. Sein Hauptanliegen erklärte er uns am Schluss: Mischt euch ein! Beteiligt euch! Geht zumindest wählen, wenn ihr das Wahlalter erreicht habt! Mein Vater, sagt er, hat den Krieg noch erlebt, wir dagegen sind im Frieden und in der Demokratie aufgewachsen, für uns ist das normal, aber wir müssen dafür kämpfen! Europa ist der Garant für Frieden und Demokratie. Das war ein sehr überzeugendes Zeugnis eines Europäers. Dass er dabei offene Türen fand bei einem Kurs der Europaschule Kerpen war klar, war aber emotional für uns alle sehr berührend.

Natürlich hatte Axel Voss eine große Palette an Themen parat: Die Digitalisierung unseres Lebens ist ein bedeutendes Problem für ihn. Den Spagat hinzubekommen zwischen dem Schutz vor Terrorismus einerseits und der Sicherung der Privatsphäre ist ihm besonders wichtig. Die Frage, wie geht es weiter mit dem Brexit, zeigt, dass zwei Herzen in seiner Brust wohnen: Die seiner Partei, der CDU, eher nahestehende Premierministerin Theresa May will einen harten Brexit, die der SPD näher stehende Labor-Party scheint ein angenehmerer Verhandlungspartner zu sein - wer wird gewinnen bei der am selben Tag anstehenden Unterhaus-Wahl in Großbritannien? Zu Donald Trump hat Voss eine klare Haltung: Trump ist eigentlich kein Politiker, er ist ein Unternehmer, der Deals machen will - in der Politik eine ungeeignete Heransgehensweise. Trump hat kein Gespür für seine Wirkung, er merkt nicht, was er bewirkt - das aber brauche man in der Politik. 

Ein sehr interessantes Gespräch mit einem erfahrenen Europapolitiker. Anschließend erklärte uns seine Mitarbeiterin Selma Toporan, wie kompliziert, aber auch interessant der Arbeitsablauf im Europäischen Parlament ist, was es mit dem Hin- und Herfahren zwischen Brüssel und Straßburg auf sich hat und: wo man sich am Abend nach einem aufreibenden Arbeitstag in Brüssel dann zur After-Work-Party trifft. Zufällig kamen wir auch dort vorbei: ein äußerst belebter Spot!

Vorher gab es einen Besuch im Parlamentarium, das ist ein Museum, das die Europäische Union darstellt. Wer jetzt glaubt: naja, ein Museum halt, ein bisschen verstaubt, der irrt sich: Hier gibt es viele interaktive Stationen, an denen man sich mittels eines Audio- und Computer-Guides einloggen und interessante Infos downloaden kann.

Und anschließend hatten wir Zeit, die Altstadt Brüssels zu erkunden. Den berühmten Grand Place mit seinem gotischen Rathaus, dem Maison du Roi, den malerischen Gassen und den unendlich vielen Geschäften mit belgischer Schokolade - kalorientechnisch war der Brüssel-Besuch ein Desaster, politisch aber ein großer Gewinn!

Ein großer Dank geht an meinen Europakurs: Er hat sich vorbildlich verhalten, bei Herrn Voss kluge Fragen gestellt, in Brüssel sehr neugierig alles erkundet, war absolut pünktlich an allen Treffpunkten - besser geht es nicht! Und ein Lob geht auch an unseren Busfahrer, Markus Berikhofen von der Firma Gäke: Dass er uns hin zurückgefahren hat, stand ja in seinem Vertrag, aber dass er überdies ein interessanter Gesprächspartner war und außerdem für die Tschernobyl-Hilfe regelmäßig nach Weißrussland fährt und dort mit seinem Bus humitäre Hilfe leistet, das hat mich sehr berührt. 

Fotos

Bernd Woidtke